Diplom-Ingenieurin Manon García war längst erwachsen, als ein Test ihre Hochbegabung bescheinigte. Bei weiteren Recherchen erfuhr sie auch von ihrer Hochsensibilität. Endlich hatte ihr Anderssein und Andersfühlen einen Namen! Endlich konnte sie sich die vielen Ungereimtheiten in ihrem Leben erklären … Erst fuhren die Gefühle Achterbahn, anschließend krempelte sie ihr Leben um – und lernte, ihr Anderssein zu leben. Heute gibt Manon García dieses Wissen als Autorin und Coach weiter.

2012 schrieb sie das Buch „Hochbegabung bei Erwachsenen: Erkennen, akzeptieren, ausleben*“, das mittlerweile in 5. Auflage erscheint. Im November 2017 legte sie mit „Hochbegabt oder hochsensibel: Lebe dein Anderssein mit Selbstbewusstsein und Selbstliebe*“ ein weiteres Buch nach.

„Schreiben als Beruf“ hat sie zum Thema „Schreiben über sensible Themen“ befragt.

Dieser Beitrag ist ein Blogwichtel. Das Netzwerk wortstarker Frauen, der Texttreff, veranstaltet das jährliche Blogwichteln, bei dem Gastbeiträge verschenkt werden. Danke, Manon!

Was muss man beachten, wenn man über ein solch sensibles Thema wie Hochsensible schreibt?

Als Betroffene schreibe ich über Themen, die mich bewegen, weise auf Vorurteile und Missverständnisse hin, lege sie frei, in der Hoffnung, dass allen diese Problematik bewusster wird. Denn selbst Betroffene leben in einer Welt, in der Vorurteile gelebt werden; so stark, dass diese einem selbst mitunter gar nicht mehr auffallen. Vieles läuft unbewusst ab und wird nicht mehr wahrgenommen.

Nehmen wir das Beispiel Hochbegabung. Sofort haben viele Menschen bewusste und unbewusste Bilder im Kopf. Manche Leute, die mich sympathisch finden, mit denen ich Spaß habe, über Witze lache, treten einen Schritt zurück, wenn ich sage, dass ich hochbegabt bin. Sofort sehen sie mich mit anderen Augen, auch wenn ihnen bewusst ist, dass ich mich als Mensch nicht verändert habe. Aber in ihrem Kopf tut sich mitunter viel. Sie trauen sich nicht mehr, frei zu reden, haben Angst, ich könnte sie bloßstellen, auslachen oder verbessern. Es ist unerheblich, dass ich das vorher nie gemacht habe. In dem Moment, wo der Stempel „hochbegabt“ auf meiner Stirn prangt, werde ich von ihnen anders behandelt. Meist von Menschen, die sich selbst wenig zutrauen. Sie wagen kaum noch, etwas zu machen / sagen. Spricht man das Problem an, dann wird gesagt – und ich glaube das auch -, dass sie wissen, dass ich mich nicht verändert habe, da die Intelligenz ja schon vorher vorhanden war, als wir uns gut verstanden. Aber unbewusst läuft ganz viel ab und verändert das Miteinander.

Viele Vorurteile entstehen durch die Medien.
In Filmen oder in Büchern werden Protagonisten überzeichnet, um zu verdeutlichen, wo die Unterschiede liegen. Ein Rainman steht dann für Asperger-Autisten, wobei die wenigsten Asperger-Autisten Ähnlichkeiten mit Rainman haben. Bei Hochbegabten werden Genies gezeigt, aber maximal 0,1 Prozent der Hochbegabten sind Genies.

Wenn ich also über Themen wie Hochbegabung, Hochsensibilität oder Asperger schreibe, dann behandle ich Themen, die die Problematiken mit dem Umgang aufgreifen. Menschen mit diesen Themen haben oftmals Probleme, weil sie nicht erkannt werden, sich aber anders fühlen. Deshalb ist es wichtig, dass diese wissen, dass sie gesehen werden und dass es mehrere gibt, die dieselben oder ähnliche Probleme besitzen. Das Wir-Gefühl ist wichtig, wenn man sich in einer Gesellschaft anders und vielleicht nicht zugehörig fühlt. Es geht oftmals darum, endlich mal verstanden zu werden, sich wiederzufinden, denn Menschen, die anders sind, hören nicht selten, sie sollen sich gefälligst anpassen oder nicht so anstellen. Oftmals wird ihnen suggeriert, sie wären falsch. Wenn sie dann lesen, dass sie richtig sind, nur anders, dann fällt ihnen oftmals ein Stein vom Herzen. Das Gefühl richtig zu sein, braucht jeder Mensch, egal, wie anders er ist.

Deshalb würde ich behaupten, das, was diese Menschen am meisten brauchen, ist Verständnis und das Gefühl, dass man ihnen glaubt. Deshalb versuche ich genau das in meinen Texten zu vermitteln.

Wie drückt man sich verständlich aus, wenn es um Hochbegabte geht?
Ich kann mir vorstellen, dass man wesentlich mehr an jedem Wort feilt als wenn man über Kartoffelzüchter schreibt. Weil die Protagonisten ja auch – zu Recht – gegen Vorurteile und Missverständnisse kämpfen und mit ihrer persönlichen Geschichte im Kopf mitlesen.

Alle Menschen sind verschieden, egal, mit welchen Eigenschaften, es gibt keine zwei gleichen Menschen. Jeder hat seine eigene Geschichte, seine individuelle Einstellung, da so viele Faktoren bei der Persönlichkeitsentwicklung eine Rolle spielen, wie Sozialisation, Umfeld, Gene, Kultur, Prägungen, Erfahrungen, usw. Jeder Mensch, egal, ob hochbegabt, hochsensibel oder als Asperger-Autist_in, hat seine eigene Welt. Es gibt kein richtig oder falsch, kein schwarz oder weiß. Es gibt nicht DIE Hochbegabten, DIE Hochsensiblen oder DIE Menschen mit Asperger. Schreibe ich aber, Aperger sind xy, würde ich immer welche ausschließen, ausklammern und ausgrenzen. Würde also genau das machen, worunter die Menschen oftmals eh schon leiden. Würde in dieselbe Kerbe noch mal hauen und alles nur noch schlimmer machen. Dementsprechend kann ich nicht für DIE Hochbegabten schreiben. Es wird immer Hochbegabte geben, die meine Text zu flach oder zu hochgestochen empfinden, Hochsensible geben, denen meine Texte zu unsensible oder zu sensible sind oder Asperger-Autist_innen, die meine Texte am realen Leben vorbei geschrieben finden oder genau auf den Punkt.

In meinen Texten versuche ich auf diese Vielfalt einzugehen, weshalb der Eindruck entstehen könnte, ich verwässere den Inhalt oder wüsste nicht, was ich will. Das Gegenteil ist der Fall. Ich weiß um die Vielfalt.

Mit Geschichten Inhalte vermitteln
Da viele mit ihrer persönlichen Geschichte im Kopf mitlesen und deshalb mitunter bestimmte Informationen nicht aufnehmen (können), habe ich mich entschlossen, auf bestimme Themen nur noch mittels Romanen und Kurzgeschichten einzugehen. Da lesen die Interessierten dann von bestimmten Figuren, es geht weg von der eigenen Geschichte, und trotzdem – oder gerade deswegen – können die Informationen aufgesaugt werden. Die eigene Geschichte und die damit verbunden Abwehrmechanismen werden ausgehebelt und die Informationen finden direkten Zugang zum Ich. Ist die Geschichte spannend und einprägsam geschrieben, werden die Informationen immer wieder den Weg ins Gehirn finden, um auf sich aufmerksam zu machen und so zu wirken.

Vielen Dank für das Interview!

* Was hat  Manon Garía geschrieben? Schaut gerne hier bei Amazon (Promo-Link)!

Das Interview führte Barbara Stromberg // „Schreiben als Beruf“