Lea Heuser sieht sich selbst als eine Übersetzerin und Botschafterin. Die studierte Kommunikationswissenschaftlerin aus Aachen schreibt, berät und ist dabei mit einem sehr speziellen und spannenden Ansatz unterwegs. Inklusion – also Teilhabe – ist das Stichwort.

Kathrin Hentzschel befragte für  „Schreiben als Beruf“ die von Geburt an blinde Texterin, wie sie Inklusion lebt und erlebt.

Lea Heuser

Das Motto Deiner Arbeit lautet „Text und Kommunikation für eine bessere Welt.“ Das ist ein hoher Anspruch! Was kannst Du als Texterin bewirken?

Eine ganze Menge! Inhalte und Informationen zielgruppengerecht zu vermitteln, macht die Welt automatisch ein Stückchen besser, denn je mehr Dinge Menschen wissen und verstehen, desto mehr können sie mitbestimmen und teilhaben. Das Wort Inklusion bezeichnet ja bei Weitem nicht nur die gemeinsame Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderung. Inklusion passiert auf allen Ebenen der Gesellschaft und betrifft jede Art von menschlicher Vielfalt. Diese Vielfalt muss ein selbstverständlicher Teil des Alltags werden.

Erst, wenn alle Menschen Unterschiede als normal empfinden, ist echte Inklusion erreicht – völlig egal, ob es um Unterschiede der Herkunft, der Kultur, der sozialen Schicht, der sexuellen Identität und Orientierung oder der körperlichen, sensorischen oder kognitiven Fähigkeiten geht.

Leider gibt es noch immer viele Barrieren, die einzelne Gruppen von gesellschaftlicher Teilhabe ausschließen. Eine dieser Barrieren ist schwere Sprache. Alle Menschen brauchen einen niederschwelligen Zugang zu Informationen. Nur, wer über etwas Bescheid weiß, kann sich darüber eine Meinung bilden und diese vertreten. Und nur, wer im Alltag auf alle Arten von Menschen trifft, weil alle überall dabei sind und mitreden, baut Berührungsängste und Unsicherheiten ab.

Was leistest Du hierfür konkret?

Ich übertrage Schriftstücke aus schwerer Alltagssprache in vereinfachte Sprachniveaus, also Einfache oder Leichte Sprache. Die meisten Texte sind sehr kompliziert geschrieben. Das müssen nicht mal abstrakte Gesetzeswerke oder Formulare einer Behörde sein, auch wenn solche Beispiele am besten zeigen, wie sehr eine einfachere Ausdrucksweise uns allen helfen würde.

Viel zu lange Schachtelsätze, Fremdwörter und Fachausdrücke machen es im Endeffekt allen Menschen schwer. Leichte und Einfache Sprache helfen dabei, dass mehr Menschen den Sinn von Texten verstehen können. Ob das Menschen mit Lernschwierigkeiten, schlechten Deutschkenntnissen oder funktionalem Analphabetismus sind, oder ob sie einfach nur ungern Bandwurmsätze lesen, spielt keine Rolle.

Leider gelten komplizierte Formulierungen als Zeichen von hoher Bildung und Professionalität. Ich bin in der Schule und im Studium geradezu darauf gedrillt worden, mich so verschwurbelt wie möglich auszudrücken, aber eigentlich ist das das genaue Gegenteil von dem, was wir brauchen. Menschen müssen endlich lernen, verständlich zu formulieren und Einfachheit wertzuschätzen.

Wie unterscheidet sich Einfache von Leichter Sprache?

Einfache Sprache bemerkt man manchmal kaum. Die Sätze sind zwar kürzer und nicht verschachtelt, die Wörter sind einfacher, aber man kann sich schon noch ein wenig stilistisch austoben. Texte in diesem Sprachniveau sind viel verständlicher als schwere Alltagssprache. Das hilft allen Menschen, aber speziell funktionalen Analphabet/innen, Menschen mit kognitiven Einschränkungen, Menschen, die Deutsch als Fremdsprache sprechen, und Menschen, die z. B. aufgrund einer Sehbehinderung keine langen Sätze überblicken können.

Leichte Sprache ist das niedrigste Sprachniveau mit rigiden Regeln und weitestgehend ohne stilistische Freiheiten. Sie hilft vor allem Menschen, die kein Deutsch können oder es gerade erst lernen, Menschen mit geistigen Behinderungen und auch Analphabet/innen. Die Regeln dieses Sprachniveaus wurden von Menschen mit Lernschwierigkeiten entwickelt. Eine dieser Regeln ist: Texte in Leichter Sprache müssen von Menschen gegengelesen werden, die selbst Leichte Sprache brauchen und direktes Feedback zur Verständlichkeit geben können.

Du sagst, Inklusion betrifft Dich selbst – weil Du schon von Geburt an so gut wie blind bist. Hast Du Dich in der Schule jemals ausgeschlossen oder diskriminiert gefühlt?

Ja. In den 80-er und 90-er Jahren war es noch relativ ungewöhnlich, als Kind mit Behinderung auf eine Regelschule zu gehen. Den Inklusionsbegriff gab es nicht, damals hieß das Integration. In meinem Fall war das symptomatisch, denn obwohl ich gleichzeitig mit allen anderen Kindern auf die Schule kam, wurde ich immer als Fremdkörper behandelt, den es irgendwie in etwas zu integrieren galt. Ich war besonders und wurde ständig zum Thema gemacht. Meine Lehrerinnen und Lehrer meinten es so gut, dass die anderen Kinder automatisch den Eindruck bekamen, ich würde bevorzugt – was wohl niemand im Unterstufenalter auf sich sitzen lässt, ohne dem vermeintlichen Lehrerliebling gegenüber gemein zu werden.

Warum Menschen mit Behinderung manchmal eine Sonderregelung als Nachteilsausgleich brauchen, müssen Kinder so früh wie möglich verstehen. Aber auch, dass Menschen neben ihrer Behinderung ganz viele weitere Eigenschaften, Fähigkeiten und Interessen haben und keine hilflosen, armen Opfer sind, muss so früh es geht in die Köpfe. Ich gehe deshalb regelmäßig mit GIPS, einem Verein von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen, in Schulen. Wir zeigen den Kindern mit einem Erlebnisparcours, was wir alles können, wie wir unseren Alltag bestreiten und wie zufrieden wir sind. In Brailleschrift kann man coole Spickzettel machen und Gebärdensprache eignet sich super für Geheimkonversationen. Darauf fahren die Kinder total ab. Und beim Ausprobieren eines Rollstuhls wird es manchmal fast gefährlich (lacht).

Welche technischen Hilfsmittel benutzt Du, um Texte zu korrigieren oder zu schreiben?

Ich habe mit neun Jahren „blind“ Schreibmaschine schreiben gelernt und hatte bereits in der Unterstufe einen Laptop. In der Oberstufe kam dann die Braillezeile hinzu – ein Ausgabegerät für Blindenschrift, das an den Computer angeschlossen wird. Die Zeile ist mir sehr wichtig, da ich nur so Buchstabe für Buchstabe überprüfen kann, ob im Text alles stimmt. Wenn ich längere Texte lese, ohne sie auf Fehler zu durchforsten, benutze ich aber ganz faul eine Sprachausgabe. In der Grundschule und Unterstufe reichte mein Sehrest noch zum Lesen stark vergrößerter Schrift. Deshalb war mir das Lernen der Brailleschrift leider anfangs zu unwichtig, was sich jetzt in Form einer völlig unterirdischen Lesegeschwindigkeit rächt.

Deine Arbeit kann man also durchaus mit „politisch“ beschreiben. Du bist ein sehr engagierter Mensch, der bereits im Studium politisch aktiv war. Erzähl doch mal!

Während meines Studiums habe ich mich auf alles gestürzt, was ich spannend und wichtig fand. Von den Protesten gegen Studiengebühren bis zur Geschlechtergerechtigkeit – an einer technischen Hochschule wie der RWTH Aachen ein sehr stiefmütterlich behandeltes Thema – bis hin zur Unterstützung für Studierende mit Behinderung, für die es bis dahin keine Interessenvertretung gab, habe ich mich überall engagiert. Ich war im Studierendenparlament und im AStA und bin aus all diesen Zusammenhängen nach dem Studium dann einfach an den Themen Inklusion, Antifaschismus, Friedens- und Klimapolitik hängengeblieben.

Du warst und bist also in Bereichen tätig, die weit über das Schreiben hinausgehen?

Ja, aber überall, wo ich mich engagiere, schreibe ich auch. Ich habe, egal, was ich tue, immer nach kurzer Zeit den Hut der Pressesprecherin, Schriftführerin oder redaktionellen Texterin auf. Dadurch habe ich einen reichen Erfahrungsschatz zu Aktionsformen und Diskurs-Strategien angesammelt, aber auch ein lokales und überregionales Netzwerk von Journalist/innen zu verschiedenen Themenbereichen aufgebaut.

Andererseits, und das ist natürlich mehr als „nur“ Schreiben, gebe ich als Dozentin mein Wissen in Form von Workshops und Kursen weiter. Zusätzlich berate und unterstütze ich auch individuell zu den Themen Inklusion und Vielfalt.

Zum Schluss noch eine Frage, die Du sicher genauso oft hörst wie die Frage nach Deiner Blindheit! Was hat es mit dem originellen und einprägsamen Unternehmensnamen „kommunikatz“ auf sich?

Ich liebe Tiere und bin mit Katzen aufgewachsen. Inzwischen bin ich zwar auch auf den Hund gekommen, aber das liegt hauptsächlich daran, dass es keine Blindenführkatzen gibt.

Die Kommunikatz ist ursprünglich ein Wortspiel eines Bekannten aus einem Arbeitskreis des Aachener Friedenspreis e.V., wo ich seit über 10 Jahren aktiv bin. Anlässlich irgendeines Missverständnisses hatte er die anderen AK-Mitglieder ermahnt, mehr auf die „kommunikatz“ zu achten, also klarer zu kommunizieren. Die Wortschöpfung fand ich richtig klasse – kein Wunder: Ich studierte gerade Kommunikationswissenschaften und war Katzenfan.

Als ich mich vor zwei Jahren selbstständig gemacht habe, fiel mir das Wortspiel wieder ein. Nach einigem Abwägen – zu albern? Zu verspielt? – habe ich mich entschieden, dass die Kommunikatz genau das ist, was meine Arbeit repräsentiert: Als freundliches, unterstützendes, wertschätzendes und aufmerksames Tier behält es die tollpatschigen Menschen bei ihrer Verständigung im Auge und greift bei Bedarf hilfreich ein!

* Das Interview führte Kathrin Hentzschel von www.textideen.com, Textideen für Werbung, Wirtschaft und Redaktionen.

Kathrin Hentzschel studierte Südslavistik und Soziologie, ist seit 18 Jahren Werbetexterin, Redenschreiberin und inzwischen auch freie Redakteurin (Rheinpfalz). Seit 2018 nimmt sie sich als Bloggerin humorvoll Kuriositäten der Werbesprache vor und ist Autorin der Serie „So isses aufm Dorf“.