Zamyat M. Klein, Diplom- Pädagogin, lebt in Lohmar (zwischen Köln und Bonn). Sie ist seit 1980 Trainerin, Coach und Autorin von bisher 20 Fachbüchern* zu den Themen Train-the-Trainer, Kreativitätstechniken und Online-Seminare.
Sie ist Gründerin der OAZE – Online-Akademie (u.a. Online-Trainer-Ausbildungen)  und führt Seminare in der Türkei durch. Legendäre sind die Berichte, wie sie in ihren Seminaren ein Rudel Manager dazu bringt, das Kamel zu tanzen.

„Schreiben als Beruf“ hat sie zum Thema Kreativitätstechniken befragt.

Zamyat Klein

Ganz ketzerisch gefragt: Warum Kreativtechniken? Bisher ist man in den Unternehmen doch auch ganz gut damit gefahren, einfach alle zum Meeting einladen. Da konnte doch auch jeder sagen, was er denkt. Oder nicht?

Nein, eben nicht. Ich habe selbst schon unendlich öde Meetings erlebt, in denen viel Zeit verschwendet wurde und wenig bei rum kam.

Kreativitätstechniken können in Meetings helfen:

  • Wirklich ein konkretes Thema zu bearbeiten (und nicht nur zu „belabern“).
  • Alle Mitarbeiter zu beteiligen und nicht nur die, die besonders schnell sind oder sich in den Vordergrund drängen.
  • Auf wirklich neue Ideen zu kommen.
  • Die Entwicklung von Ideen zu strukturieren, dem Meeting damit einen roten Faden geben, was die Effektivität erhöht.
  • Und sie können sogar Spaß machen, was dazu führen könnte, dass Mitarbeiter zukünftig gerne zu Meetings gehen.

Angenommen, ich sei der Chef und habe die üblichen stumpfen Meetings mit Frontalvorträgen und ergebnisfreien Abfragen satt. Wie überzeuge ich meine Ingenieure, Abteilungsleiter und Manager davon, sich auf Kreativtechniken einzulassen?

Indem ich auf kompetente Weise eine Kreativitätstechnik einsetze und dies gut moderiere und anleite. Dann wird jeder sofort erleben können, dass das mehr bringt und eben auch mehr Spaß macht und befriedigender ist als das übliche Verfahren.

Ansonsten sind das erwachsene Menschen und ich kann auch vorher erklären, warum wir mal etwas Neues probieren.

Ich selbst habe mal einen Workshop zum Thema „Effektive Meetings“ in einem Unternehmen durchgeführt und damit begonnen, die Mitarbeiter erst einmal zu befragen, mit was sie bei den bisherigen Meetings unzufrieden sind und was sie sich wünschen. Da hatte ich genug Argumente für neue Methoden zusammen. Und es wurde nicht über ihren Kopf hinweg entschieden.

Es gibt 1000 und 1 Kreativtechniken, viele davon sind ja auch auf deiner Seite zu finden. Wenn ich als Chef ein Brainstorming oder ein Werkstattgespräch mit einer Gruppe von Leuten aus dem Unternehmen machen möchte, kann ich aber keinen Fehlversuch riskieren. Woher weiß ich, welche Technik passt?

Dazu zwei Antworten.

  1. Wenn man etwas Erfahrung mit Kreativitätstechniken hat, bekommt man mit der Zeit ein Gefühl dafür, welche Methode zu welcher Fragestellung passen könnte. Doch auch das ist keine 100%ige Garantie. Ich habe auch – für meine Seminare- so eine Rasterzuordnung versucht, die auch in meinen Teilnehmerunterlagen ist. Da habe ich dann jeweils verschiedene Fragestellungen und Themen als Beispiel dazu geschrieben, wofür sie geeignet sein könnte.
  2. Ist diese Herangehensweise für Kreativität nicht sehr förderlich. „Keinen Fehlversuch riskieren“. Was heißt das? Edison hat das ja mal schön formuliert, als er sagte, er habe eben über tausende von Wegen gefunden, wie man keine Glühbirne herstellt.

In meinen Seminaren betone ich immer, dass es ein Versuch ist. Man hat vorher keine Garantie, dass diese Methode zu 100 % die richtige ist. Manchmal wird das eben erst beim Ausprobieren klar – und das gehört zum kreativen Prozess. Wie viele tolle Erfindungen wurden durch „Fehler“ gemacht.

Manchmal reicht eine Methode auch nicht aus. Man hat sich der Fragestellung genähert, bestimmte Erkenntnisse gewonnen – aber zur konkreten Weiterplanung nimmt man dann vielleicht noch eine weitere Methode.

Wenn ich ein großes wichtiges neues Projekt plane oder ein neues Produkt entwickeln will oder eine Marketingkampagne, dann muss ich mir auch die entsprechende Zeit dafür nehmen. Wenn ich dann durch eine solche Arbeit mit Kreativitätstechniken eine wirklich gute Sache entwickelt habe, dann hat es sich allemal gelohnt. Auch wenn da ein „Fehlversuch“ drin war. Ich würde in dem Zusammenhang sowieso nie von Fehlern sprechen. Sondern in dem Fall geht es einfach um Erkenntnisse, neue Wege, Erfahrungen, die nach und nach immer mehr zeigen, wohin sich das entwickelt.

Oft wird durch solche „Umwege“ auch klar, dass hinter der ursprünglichen Fragestellung vielleicht noch ein ganz anderes Problem liegt, das zuerst analysiert und geklärt werden muss. Dann war der Umweg eben gar kein Umweg, sondern ein wichtiger Erkenntnisschritt, der uns davor bewahrt hat, in die falsche Richtung Ideen zu entwickeln oder falsche Entscheidungen zu treffen.

Gibt es eine einfache Kreativtechnik, die eigentlich immer hilft, wenn die Schreibblockade das Hirn verstopft?

Ich denke, die Menschen ticken sehr unterschiedlich und daher hilft nicht bei jedem das Gleiche. Mind Maps finde ich zur unsortierten Ideenfindung für mich persönlich immer hilfreich, ich mache ohnehin fast alles mit Mind Maps.
Je nach Thema kann aber auch „Schreibdenken“ gut sein: 10 Minuten einfach drauflos schreiben, ohne sich eine Pause zu erlauben oder zu stocken. Einfach, was einem gerade durch den Kopf geht. Jeder noch so kuriose Gedanke wie: „Das ist jetzt aber eine dämliche Übung und mir fällt gerade überhaupt nichts ein, aber ich muss jetzt ohne Punkt und Komma schreiben und darf nicht absetzen. Also, was das soll, wo ich doch …“
Manchen hilft vielleicht auch kritzeln, also mit kleinen Zeichnungen und Strichen eine Idee entwickeln. Oder sie erzählen es laut und nehmen es gleichzeitig auf.
Das hängt auch ein wenig damit zusammen, welcher Lerntyp jemand vorrangig ist.

Was ist für dich ein Kreativitäts-Turbo?

Da fallen mir zwei Sachen ein, die ich selbst (auch mit anderen) mit Leidenschaft getestet habe und immer noch durchführe.

Um wirklich den Kopf frei zu kriegen, ist Wandern für mich das allerbeste. Mir fiel auf, wenn ich mittags eine Stunde walken ging, dass ich dann mit vielen neuen Ideen ins Büro zurück kam. Ich besorgte mir ein Aufnahmegerät, damit ich nicht immer stehen bleiben musste, um die Ideen aufzuschreiben.

Daraus habe ich dann den Kreativ-Walk® entwickelt, wo ich einen Tag mit Menschen wandere und das wird mit einem Online-Seminar kombiniert, wo dann gemeinsam weiter am Thema in einem Forum gearbeitet wird.

Eine wesentliche Grundlage für Kreativität ist die Offenheit für Neues. Auch da las ich immer wieder, dass das Durchbrechen von Gewohnheiten dazu sehr hilfreich ist. Und so habe ich dann letztes Jahr eine Aktion gestartet für das „Mut-Muskel-Training als Kreativitäts-Turbo“. Dabei ging es darum, 30 Tage lang jeden Tag eine Sache zu tun, die a) neu ist oder b) eine Gewohnheit durchbricht oder c) auch sogar ein wenig Mut erfordert. Es konnten auch ganz kleine Sachen sein, wie sich beim Frühstück mal auf einen anderen Stuhl setzen als sonst immer.

Der Sinn ist ähnlich wie beim Sport, wo man ja auch erst mal die Muskeln trainiert, ehe man zur Höchstleistung aufläuft, den „Kreativitätsmuskel“ zu trainieren. Wenn ich immer das Gleiche mache wie bisher, können keine neuen Ideen entstehen.
Und Kreativität erfordert offensichtlich Mut, weil man eben immer Gewohnheiten durchbricht. Daher ist auf Meetings auch eine gute Moderation wichtig. Jemand der darauf achtet, dass keine Killerphrasen gerufen werden, keine frühzeitige Diskussion die Kreativ-Phase blockt, sondern eine Atmosphäre geschaffen wird, in der Menschen sich trauen und Freude daran haben, scheinbar verrückte Dinge zu denken und zu sagen. Und so auf wirklich neue Ideen kommen.

Auf das sich mehr Leute trauen, mal was Verrücktes zu sagen! Vielen Dank für das Interview!

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Das Interview führte Barbara Stromberg // „Schreiben als Beruf“