Tobias Goldkamp ist seit 2006 Rechtsanwalt. Er ist Fachanwalt für Erb- und Verkehrsrecht, Partner einer Sozietät und gern befragter Rechtsexperte in Print und TV. Und er bloggt. Verständlich, informativ und recht erfolgreich.

Grund genug, ihn zu fragen, warum seine Kollegen allzu gerne klingen möchten wie eine fleischgewordene Gesetzessammlung – auch auf die Gefahr hin, dass der Mandant kein Wort versteht.

„Schreiben als Beruf“ hat ihn kurzerhand zum Thema Anwaltssprech befragt.

Heike Abidi

Warum schreiben Anwälte so umständlich bis hin zu unverständlich?
Das ist gelernt. So bauen wir eine Deckung auf, hinter der wir uns verschanzen. Außerdem geht es um Zugehörigkeit zu der Juristenkaste. Mit dem Fachchinesisch markieren wir: Ich gehöre dazu, Du nicht. Es geht auch um Kompensation: Je schwächer der Jurist, desto ausgeprägter der Hang zum Fachchinesisch.

Was können sie besser machen bei der Mandantenkommunikation?
Es beginnt damit, den richtigen Kanal zu wählen. Schreibt der Mandant eine E-Mail, sollte ich ihm nicht per Brief antworten. Je bedeutender die Situation, desto mehr Nähe sollte ich herstellen: Persönliche Besprechung ist dann besser als Telefonat, Telefonat allemal besser als E-Mail oder Brief. Außerdem hilft, Sätze knackig-kurz zu formulieren und auf Substantive und Fachchinesisch zu verzichten.

Warum lohnt es sich mit dieser Tradition zu brechen?
Die Zeiten, in denen der Rechtsanwalt auf einem Thron sitzt und der Rechtssuchende sich heranrobben darf, um eine Frage zu stellen, sind vorbei. Ich will nicht sagen, dass es heute umgekehrt ist. Aber die Menschen erwarten zu Recht, dass wir ihnen als Dienstleister auf Augenhöhe begegnen. Wer das versteht und umsetzt, gewinnt Mandate. Wer im alten Trott weiter macht, verliert.

Was empfiehlst du Kollegen, denn das schwer fällt?
Den Job wechseln. Rechtsanwalt ist ein Dienstleistungsberuf.

Du bloggst seit Jahren sehr erfolgreich unter aktuell.breuer.legal und deine Blogartikel haben in der Regel dreistellige Zugriffe jeden Monat. Welche positiven Effekte hat das für deine Arbeit?
Für mich gehört zur Rechtspflege, aufklärerisch zu arbeiten. Ich will meine Erkenntnisse nicht für mich horten, sondern mit anderen teilen. Manchmal frische ich meine Erinnerung an ein Thema auf, indem ich selbst in meinen Blogartikeln nachlese. Kritisches oder bestätigendes Feedback der Leser hilft mir, mich fachlich weiter zu entwickeln. Viele Mandanten gewinne ich, weil sie sehen, dass ich genau ihr Thema bearbeite und dann mit ihrem Fall auf mich zukommen.

Wie entscheidest du, ob ein Thema ein gutes Blogthema ist?
Ich überlege, ob ich es selbst verstanden habe und es interessant oder spannend finde. Dann überlege ich, ob es für andere interessant sein könnte. Gut sind Themen, zu denen es bisher wenig gibt. Es ist besser, über ein selbst erstrittenes Urteil eines Amtsgerichts zu schreiben, als über ein BGH-Urteil zu berichten, das schon hunderte Male im Internet mitgeteilt ist.

Wie schreibst du Blogartikel? Gibt es einen festen Ablauf, ein Ritual, einen Redaktionsplan?
Ich schreibe spontan, unregelmäßig und unkontrolliert.

Hast du eine Checkliste?
Nein. Ich frage mich im Wesentlichen: Was ist das Problem? Wer hat das Problem? Wie löse ich das Problem?

Woran orientierst du dich sprachlich?
Am Leser, also demjenigen, der das Problem lösen muss, über das ich schreibe. Stilistisch vielleicht an textlichen Massenmedien wie z.B. FAZ.net oder Spiegel Online. Auf keinen Fall an juristischen Fachpublikationen, aber auch nicht an der Bild-Zeitung.

Hast du Tipps, wie es gelingt, leserfreundlich zu schreiben?
Wichtig ist, sich in denjenigen hinein zu versetzen, der wegen seines Problems im Internet sucht und auf den Artikel stößt. Er will sehen, dass ich wirklich seinen Fall treffe und eine nachvollziehbare Lösung anbiete. Gut ist, den Artikel mit Zwischenüberschriften zu strukturieren.

Hast du eine Best-Practice-Empfehlung für Häufigkeit und Länge von Anwaltsposts?
Ein Blog, auf dem nicht wöchentlich ein Artikel erscheint, kommt in den Suchergebnissen schwer nach oben. Mein Tipp dazu ist, sich mit mehreren Rechtsanwälten zusammen zu tun und gemeinsam zu schreiben. Wenn fünf Rechtsanwälte jeden Monat einen Artikel schreiben, lässt sich ein Blog betreiben. Die einzelnen Artikel sollten gefühlt möglichst nicht länger als zwei Bildschirmseiten sein.

Welche Blogs von Kollegen kannst du empfehlen?
Ich lese regelmäßig das Blog von Detlef Burhoff, http://blog.burhoff.de/.

Und zuletzt: Hast du einen Buchtipp für die Anwälte?
Mein Tipp ist, die Bücher zur Seite zu legen und sich für die Mandanten zu interessieren.

Vielen Dank für das Interview!

Ergänzen möchte ich die Ratschläge des Anwalts noch um den Hinweis, dass es auch einige Textexperten gibt, die sich gerne mit Juristendeutsch beschäftigen, Workshops und Schulungen für Juristen anbieten, die es besser machen wollen und/oder praktische Unterstützung in Sachen Pressearbeit geben.

In 10 Schritten zu besseren Texten

  1. Das Wichtigste nach vorn.
  2. Überflüssiges weglassen.
  3. Vorsicht mit Adjektiven.
  4. Hauptsachen in Hauptsätze, Nebensachen in Nebensätze.
  5. Kurze Hauptsätze, wenige Nabensätze, keine Schachtelsätze.
  6. Kein Nominalstil, sondern kräftige Verben.
  7. Viel Aktiv, wenig Passiv.
  8. Konkret, nicht abstrakt erzählen.
  9. Positive Begriffe, keine Verneinung.
  10. Wenige Fremdwörter, keine Fachbegriffe.

* Wer als Jurist ein wenig Hilfe braucht, bevor er die Bücher weglegt und den Mandanten ansieht, dem sei „Deutsch für Juristen“  (Amazon, Promo-Link!) empfohlen, das gerade in 4. Auflage erschienen ist, und „Klartext für Anwälte“ (Amazon, Promo-Link!)

Das Interview führte Barbara Stromberg // „Schreiben als Beruf“