Ricarda Essrich studierte Skandinavistik und Linguistik in Köln und volontierte im Helmut Buske Verlag. Ihre Selbstständigkeit begann als Lektorin und Literaturübersetzerin.

Heute ist sie selbstständige Fach- und Literaturübersetzerin für Schwedisch, Norwegisch und Dänisch sowie Gesellschafterin und Geschäftsführerin der ELS GmbH (Essrich Language Services). Seit 2016 ist sie 1. Vorsitzende des BDÜ-Landesverbandes NRW.

Als Fachübersetzerin hat sie sich auf Texte für die Bauindustrie spezialisiert, als Literaturübersetzerin auf Kochbuchübersetzungen. Ihre eigenen Erfahrungen inspirierten sie für den Ratgeber „Positionierung für freiberufliche Übersetzer. Spezialisierung oder Diversifikation“*, erschienen im BDÜ Fachverlag 2017.

„Schreiben als Beruf“ hat sie zum Thema Positionierung als Übersetzer“ befragt.

Ricarda Essrich

Wieso hast du dich entschieden, ein Buch zu schreiben?

Es fing an mit einem Artikel, den ich für eine Mitgliederzeitschrift im Übersetzerverband verfasst habe. Darauf folgten zwei Vorträge zu dem Thema, die ich intensiv vorbereitet habe. Nach den Vorträgen hatte ich einen Berg an Notizen, Rechercheergebnissen und Formulierungen und dachte, daraus muss man doch mehr machen. Ursprünglich sollte es als E-Book erscheinen, aber wie das so bei Projekten ist, bei denen man selbst der Kunde ist: Sie haben keine Priorität. Das Buch war halbfertig, aber ohne externe Deadline funktionierte es einfach nicht. Daher habe ich einen Verlag für das Buch gesucht. So wurde es zum Projekt und bekam endlich eine Deadline.

An wen richtet sich das Buch?

Da das Buch vor allem auf meiner Erfahrung aus 10 Jahren selbstständiger Tätigkeit basiert, richtet es sich hauptsächlich an freiberufliche Übersetzer. Aber auch selbstständige Dolmetscher sind angesprochen, und vielleicht finden sogar angestellte Sprachmittler die eine oder andere Anregung, denn auch bei der Suche nach einer Festanstellung mag eine geschickte Positionierung möglicherweise eine Rolle spielen.

Grundsätzlich lässt sich das Gesagte aber sicher in vielen Aspekten auch auf Freiberufler generell übertragen, denn Positionierung ist ja etwas, das branchenunabhängig notwendig ist, wenn man als Freiberufler bestehen will.

Welche Probleme haben Übersetzer, die nicht spezialisiert sind?

Der Markt ist sehr groß und leider von einem harten Preiskampf geprägt. Da Übersetzer kein geschützter Beruf ist, kann diesen Beruf im Prinzip jeder ausüben, der eine Fremdsprache einigermaßen beherrscht. Daher gibt es viel Konkurrenz, vor allem bei den sehr weit verbreiteten Sprachen wie Englisch und Spanisch, aber auch bei Italienisch und Französisch. Zudem handelt es sich per se um eine international ausgerichtete Branche, sodass man sich auch gegen Konkurrenz aus dem Ausland durchsetzen muss ‒ die nicht selten allein aufgrund der niedrigeren Lebenshaltungskosten deutlich billiger anbieten kann.

Wer nicht spezialisiert ist, sticht aus dieser Masse an Übersetzern nicht hervor. Wenn wir uns in die Lage des Kunden versetzen, der einen Übersetzer für seine Werbebroschüre ins Englische sucht, dann sieht dieser erstmal nur eine Schar von Übersetzern, und wenn sich keiner besonders hervortut, muss der Kunde über den Preis entscheiden. Das Ziel sollte sein, dem Kunden einen Mehrwert zu bieten, der beim Kunden Vorrang vor dem Preis hat. Einen Mehrwert, der den Übersetzer – idealerweise – einzigartig macht.

Du selbst hast dich auf die Baubranche in skandinavischen Ländern spezialisiert. Wie hat sich das ergeben?

Durch Zufall. Ein Verwandter arbeitete als Bereichsleiter in einem großen Baukonzern, hörte von meiner Selbstständigkeit und bot mir an, die Übersetzungen für ihn zu machen. Da hatte ich den Vorteil, dass ich immer einen Ansprechpartner bei Fragen und Verständnisproblemen hatte. Auch mein Bruder hat für dieses Unternehmen gearbeitet, ich war also sehr schnell mit der Terminologie vertraut.

Was anfänglich nur zur Überbrückung dienen sollte, bis ich endlich als Literaturübersetzerin Fuß gefasst hatte, entwickelte sich bald zu echtem Interesse und dann zu einer Leidenschaft. Heute liebe ich es, Baumaschinen zu recherchieren, Ausschreibungen zu lesen, und seit ich im Gleisbau übersetze, sind Zugfahrten plötzlich wieder ganz spannend.

Welchen Vorteil hat eine Spezialisierung insgesamt?

Man hebt sich aus der Masse ab und bietet dem Kunden einen Mehrwert ‒ Qualität. Ein Spezialist konzentriert sich auf ein Fachgebiet oder auf einige wenige, er kann also seine Lernfähigkeit und seine Kapazitäten darauf konzentrieren, sich viel intensiver damit befassen und kennt sich damit deutlich besser aus als jemand, der viele Fachgebiete anbietet.

Diese Qualität ist dem Kunden, der möglicherweise bereits schlechte Erfahrungen mit qualitativ minderwertigen Übersetzungen gemacht hat, auch mehr Geld wert. Der Übersetzer hat aufgrund seiner Spezialisierung schlicht die besseren Argumente bei Preisverhandlungen. Erst neulich hat sich ein Stammkunde über den Preis aufgeregt, den ich für eine Übersetzung ins Englische aufgerufen hatte. Es sei doch „nur“ Englisch, und die Seiten seien nicht eng beschrieben. Ich habe ihm gesagt, dass es sehr schwer war, einen Übersetzer zu finden, der mit der Terminologie (im Gleisbau) vertraut ist, noch dazu so kurzfristig. An diesem Punkt hätte der Kunde sich entscheiden können, einen anderen Übersetzer zu beauftragen. Aber wir haben den Zuschlag bekommen – vermutlich, weil der Kunde sich bereits bei den anderen Sprachen, die ich für ihn bearbeite, von der Qualität überzeugt hat, und mir dieses Vertrauen auch für Englisch geschenkt hat.

Neben dem monetären Vorteil ergibt sich aber noch einer aus Marketing-Gesichtspunkten. Eine Spezialisierung lässt sich gut verkaufen. Man kann seinen Schwerpunkt bei Werbemaßnahmen nutzen, und im Empfehlungsmarketing bleibt man mit einer Spezialisierung, möglicherweise sogar einer seltenen, bei Kollegen besser im Gedächtnis.

Welche Nachteile hat eine Spezialisierung?

In meinem Buch beleuchte ich, ob die vermeintlichen Nachteile wirklich welche sind. Als erstes steht die Frage nach dem finanziellen Risiko. Auf den ersten Blick scheint es logisch, sich nicht zu spezialisieren, denn so ist man für ein viel breiteres Spektrum an Aufträgen verfügbar. Das stimmt zwar grundsätzlich, aber wie ich oben geschildert habe, verliert man gleichzeitig die wichtigen Vorteile, sich aus der Masse abheben und gleichzeitig die Spezialisierung als Qualitätsmerkmal teuer verkaufen zu können.

Als Nachteil auswirken kann sich eine Spezialisierung aber durchaus, wenn die Arbeitssprache zu klein ist. Man schränkt sich zu sehr ein, weil der Markt für spezialisierte Übersetzungen aus einem bestimmten Fachgebiet einfach nicht ausreicht. Ich habe im Buch einen Isländisch-Übersetzer interviewt, für den eine Spezialisierung nicht funktioniert. Er müsse alles anbieten, sagt er, nur Medizin würde er nicht machen, weil er sich gar nicht auskenne und sich dort auch nicht einarbeiten wolle.

Wie findet man seine Spezialisierung als Übersetzer?

Ich schlage zwei Ansatzpunkte vor: eine Analyse der IST-Situation und eine Analyse der Ziele. Bei der Bestandsaufnahme untersucht man, ob sich in der bisherigen Arbeit schon Schwerpunkte ausgebildet haben, über welche Qualifikationen man verfügt etc. Möglicherweise könnte eine frühere Ausbildung die Grundlage für einen Schwerpunkt bilden? Genauso sollte man sich überlegen, was man erreichen möchte, für welche Zielgruppen man gerne arbeiten möchte, welche Kunden man lieber nicht mehr bedienen möchte usw. Neben den harten Fakten sollte man auch weiche Kriterien prüfen: Wie viele Kapazitäten habe ich überhaupt? Was bin ich für eine Persönlichkeit? Bin ich stressresistent und bei Bedarf sehr kurzfristig verfügbar (z.B. für Direktkunden in der Industrie)? Oder will ich mich lieber stundenlang ins Feilen von Texten vertiefen (z.B. bei Buchübersetzungen)? Solche Kriterien sind wichtig, es nützt nichts, sich eine Spezialisierung auszusuchen, nur weil eine Kollegin vielleicht damit erfolgreich ist. Eine Spezialisierung sollte zu einem passen.

Woran merkt man, dass man sich in seiner Spezialisierung geirrt hat?

Zum einen, wenn man keine Aufträge bekommt. Zum anderen, wenn einem die Arbeit keinen Spaß macht. Beides geht meines Erachtens miteinander einher. Die beste und tiefste Einarbeitung in Raketentechnologie nützt nichts, wenn man sich mit dem Thema nicht gerne befasst. Und wer nur widerwillig in einem Gebiet arbeitet, wird auch bei der Akquise von Neukunden nicht langfristig erfolgreich sein.

Wie hilft der BDÜ?

Der BDÜ bietet vor allem Weiterbildungen auch zu speziellen Themen an; in den letzten Jahren wurden z. B. bundesweit zahlreiche Seminare zu Medizinthemen veranstaltet, die großen Anklang fanden. Darüber hinaus finden sich manchmal auch Fachgruppen zusammen, in denen spezialisierte Übersetzer sich austauschen können. In NRW haben wir die Fachgruppe „Italienisch Recht“, also Übersetzerinnen, die Italienisch als Arbeitssprache haben und sich auf Rechtsübersetzungen spezialisiert haben.

Geht nicht die Abwechslung verloren, wenn man sich spezialisiert?

Wenn man die Spezialisierung zu eng fasst, mag es vielleicht so wirken. Ich denke aber, jedes Fachgebiet ist immer noch so umfangreich und abwechslungsreich, dass man immer wieder mit neuem konfrontiert wird. In meinem Fachgebiet  verlagert sich alle paar Jahre der Schwerpunkt. Anfangs war ich vor allem im Spezialbau tätig, seit etwa zwei Jahren habe ich verstärkt mit Gleisbau und Bahntechnik zu tun. Das erfordert zwar jedes Mal wieder neue Einarbeitung, sorgt aber für Abwechslung.

Ist es für die Umsatzplanung besser, spezialisiert zu sein?

Betrachtet man den wirtschaftlichen Vorteil der (wahrscheinlich) höheren Honorare als spezialisierter Übersetzer, lautet die Antwort natürlich Ja. Denn mit höheren Honoraren muss man schlicht weniger arbeiten für sein Geld oder verdient in der gleichen Zeit mehr.

Moment mal, Umsatzplanung? Geht das in einem freien Beruf überhaupt?

Ja, ich bin der Meinung, es ist unerlässlich, dass sich Freiberufler mit den Umsätzen nicht erst am Ende eines Jahres auseinandersetzen. Man muss den eigenen geschäftlichen und privaten Bedarf ermitteln, diesem die zur Verfügung stehende Arbeitszeit gegenüberstellen, um so eine Grundlage für die eigene Kalkulation zu haben. Umsatzplanung meint in diesem Zusammenhang eigentlich, jederzeit die bereits erwirtschafteten Umsätze im Blick zu haben und entsprechend (z.B. durch Akquisemaßnahmen, Anpassung der Honorare etc.) zu reagieren. Kurz: Wenn ich entscheide, ob ich ein eher schlecht bezahltes Projekt annehmen will, sollte ich mich nicht auf mein Bauchgefühl verlassen, sondern zahlenbasiert wissen, ob ich mir das leisten kann.

Auch die Auslastung spielt eine wichtige Rolle. Viele Kollegen, generell Freiberufler in vielen Branchen neigen dazu, in auftragsschwachen Zeiten die Honorare zu senken bzw. Aufträge anzunehmen, die nicht gut bezahlt sind, getreu dem Motto „Besser als gar nichts“. Eigentlich müsste aber das Gegenteil der Fall sein: Man müsste mehr verlangen, denn das, was man zum Leben braucht, muss ja trotzdem reinkommen, in auftragsschwachen Zeiten müssen weniger Aufträge die gleiche Summe einbringen.

Könnte auch jemand ohne Spezialisierung deiner Meinung nach erfolgreich sein?

Es wäre vermessen, allein aus meinen Erfahrungen mit dem Thema zu schließen, dass man ohne Spezialisierung nicht erfolgreich sein kann. Es gibt sicher viele Kollegen, die einen Bauchladen voller Dienstleistungen anbieten und sich vor Arbeit kaum retten können. Meine These ist aber, dass sie mit Spezialisierung mehr verdienen würden – oder für das gleiche Geld weniger arbeiten müssten.

Ich glaube aber auch, dass viele erfolgreiche Übersetzer (und wer definiert hier überhaupt Erfolg?) wenigstens im Ansatz eine Spezialisierung aufweisen, vielleicht sogar, ohne sich dessen bewusst zu sein. Und wie ich in meinem Buch ausführe, muss eine Spezialisierung sich ja nicht immer auf ein Fachgebiet konzentrieren. Wer eine seltene Sprache übersetzt, hat per se weniger Konkurrenz als ein Sprachmittler für Englisch; und auch wer eigentlich alle Texte übersetzt, aber eine wichtige Zusatzleistung anbietet und dadurch aus der Masse hervorsticht, kann sehr erfolgreich sein. Wie gesagt: Bei Spezialisierung geht es vor allem darum, sich abzuheben, für den Kunden sichtbar zu werden und ihm ein Auswahlkriterium abgesehen vom Preis anzubieten.

Vielen Dank für das Interview!

Alle, die bis hier her durchgehalten haben, kriegen jetzt noch einen kleine Checkliste für Ihre Positionierung als freiberufliche Übersetzer! (Vielen Dank an den BDÜ Fachverlag)

Analyse des Portfolios: Was biete ich an, und was kann ich?

Um bei der Analyse der Zielgruppe und der Suche nach einer möglichen Spezialisierung nicht völlig im Dunkeln zu tappen, sollten Sie zunächst Ihre Fähigkeiten und Stärken untersuchen. Und das betrifft sowohl Ihre fachspezifischen Kenntnisse als auch die sogenannten Soft Skills. Fragen Sie sich:

Fachspezifische Kenntnisse
o Welche formale Qualifikation habe ich? (Bildungsabschlüsse)
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o Welche Sprachen kann ich als Ausgangs- bzw. Zielsprache bedienen?
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o Verfüge ich über Spezialwissen (durch Ausbildungen, besondere Interessen)?
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o Verfüge ich über besondere Arbeitsweisen / technische Ausstattung / Softwarekenntnisse?
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Soft Skills
o Wie lernbereit bin ich? (Würde ich es schaffen, mich auch in eher fremde Fachgebiete einzuarbeiten? Habe ich den Ehrgeiz, eine bisher nicht als Arbeitssprache genutzte Sprache soweit auszubauen, dass sie sich geschäftlich einsetzen lässt?)
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o Worin sehe ich meine Stärken? (z. B Geduld und Ausdauer beim Feilen an Texten, Stressresistenz …)
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o Wo liegen meine Schwächen) (z. B Ungeduld beim Feilen an Texten, Stressanfälligkeit …)
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o Würde ich mich eher als offen, aufgeschlossen und selbstsicher beschreiben oder bin ich eher introvertiert und gehe nicht gerne auf fremde Menschen zu?

Auszug aus: „Positionierung als freiberuflicher Übersetzer. Spezialisierung oder Diversifikation“, BDÜ Fachverlag, Berlin 2017.

© Ricarda Essrich, www.essrich-uebersetzungen.de

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Das Interview führte Barbara Stromberg // „Schreiben als Beruf“