Christoph Linne ist 44 Jahre alt und mehr als die Hälfte seines Lebens Journalist, nämlich seit 23 Jahren. 2005 wurde er als damals jüngster Chefredakteur Deutschlands in diese verantwortungsvolle Leitungsposition der Oberhessischen Presse in Marburg berufen.

Als internetaffiner @Onlinne teilt er bisweilen seine Gedanken zur Zukunft des Journalismus, zu den Chancen für lokale Zeitungen und Anforderungen an moderne Medienmacher.

„Schreiben als Beruf“ hat ihn zum Thema „Moderner Journalismus“ befragt.

Du schreibst in deinem Blog, dass es die Aufgaben der Qualitäts-Journalisten ist, der Masse an Informationen eine Gewichtung zu geben und dem Leser Orientierung darüber, was Wahrheit und was Fake ist. Wie bilden sich Journalisten eine fundierte Meinung und entgehen der Beeinflussung?

Die meisten Journalisten machen schon bei ersten Gehversuchen als freie Mitarbeiter die Erfahrung, dass ihre Gesprächspartner sie bei ihrer Arbeit beeinflussen, vereinnahmen oder für ihre Zwecke instrumentalisieren wollen. So schwierig es gerade für Einsteiger ist, sich in solchen Situationen zu behaupten: Das schärft zumindest die Sinne und weckt hoffentlich den kritischen Geist. Je mehr der Befragte das Gespräch in seine Richtung zu lenken versucht, desto mehr lohnt sich ein Blick darauf, was unbeantwortet bleibt. Und so landen wir ohne Umwege beim klassischen und unverzichtbaren Handwerkszeug, das Journalisten draufhaben müssen – und zwar auf allen Kanälen.

Journalisten mit Meinung müssen sich andererseits den Vorwurf gefallen lassen, ihre Neutralität nicht zu wahren und sich instrumentalisieren zu lassen. Dabei ist es in Zeiten der Personalverknappung in Redaktionen noch schwieriger geworden, dem Grundsatz von Recherche und Gegenrecherche ausreichend Zeit zu geben. Wie kommt man raus aus diesem Dilemma?

Das Arbeiten unter Zeitdruck ist ja keine neue Erscheinung und dennoch ist das Dilemma durch die sinkenden Erlöse nicht von der Hand zu weisen. Wer Prüf- und Kontrollmechanismen vernachlässigt und bewährte Sicherungs-Stufen dem Spardiktat opfert, setzt die Glaubwürdigkeit für seine Produkte aufs Spiel – doch die ist und bleibt nun einmal das kostbarste Gut. Daran werden wir, daran wird unsere Arbeit gemessen. Daher sollten sich Verlage und Sender im engen Schulterschluss mit ihren Redaktionen üben und der uralten Agentur-Leitlinie folgen: Get ist first, but first get it right.

Das Internet und die sozialen Medien erfordern den Ad-hoc-Journalismus, der aber zugleich bei ungewisser Sachlage nicht vorschnell Halbwahrheiten verbreiten darf. Wie können Journalisten, vor allem junge Journalisten, diesen Anspruch erfüllen? Und: Können Sie das überhaupt?

Diesen Anspruch zu erfüllen, ist vielleicht gar keine Frage des Alters, sondern vielmehr der Haltung und der publizistischen Linie. Routinierte Kollegen können und sollten dem Nachwuchs vermitteln, dass der – durch eine viel höhere Transparenz und Vergleichbarkeit entstandene – Druck im Web kein Argument für eine vorschnelle Veröffentlichung ist, sondern im Gegenteil der Grund für mehr Gründlichkeit und Sorgfalt. Die Klagen von Nutzern und üble Kommentare wegen falscher oder ungenauer Meldungen fallen schließlich schwerer ins Gewicht, als hämische Sprüche, weil die Konkurrenz vielleicht eine Minute früher online war. Da ursprünglich exklusive Meldungen im Web inzwischen ohnehin blitzschnell verloren gehen, lohnt sich aus meiner Sicht auf Dauer der genaue Blick.

Ich weiß nicht, wie viele künftige Journalisten den großen Traum hegen, einmal in den großen Redaktionen von Süddeutsche und FAZ viel beachtete Leitartikel zu schreiben. Sicherlich sind es einige. Was kann der Lokaljournalismus den künftigen Starjournalisten für ihre weitere Karriere lehren?

Als ungeduldiger kleiner Junge wollte ich auch sofort Bundesliga-Profi werden. Kicken habe ich trotzdem auf dem Bolzplatz gelernt und dann zuerst in den Vereinen meiner Heimat Fußball gespielt. Da habe ich schnell viel gelernt, kam praktisch dauernd zum Einsatz und durfte mit der Zeit auf allen Positionen spielen. Irgendwann erkannte einer meiner Trainer, dass ich in der Offensive am besten aufgehoben war und förderte mich. Das dankte ich ihm und dem Team mit ein paar wichtigen Toren – was mir zumindest mehr Spaß gemacht hat, als in höherklassigen Clubs auf der Bank zu versauern 😉

Als Lokaljournalist bewegt man sich oft in einem engmaschigen Netzwerk aus Wirtschaft und Politik. Vereinen und Verbänden. Die Welt ist hier ein Stück weit kleiner, denn es gibt weniger Posten für weniger Menschen als im bundesweiten Kontext. Ist es im Lokaljournalismus schwieriger, Kritik zu äußern als in den überregionalen Zeitungen, weil man damit rechnen muss, den Kritisierten an anderen Stellen wieder zu treffen? Wer im Focus an Merkels Politik herumwerkelt, muss schließlich nicht damit rechnen, sie am nächsten Tag beim Einkaufen zu treffen.

Ob mich nun Merkel oder Müller zur Rede stellt, sollte keine Rolle spielen! Von der Provinz bis in die Hauptstadt brauchen Journalisten die Courage, sich zwischen die Stühle zu setzen, sich gegen Eliten aufzulehnen und ihre Stimme zu erheben. Wer vor Mächtigen einknickt, Interessen vermischt oder Informationen zurückhält, schadet auf Dauer sich selbst und zugleich dem ganzen Berufsstand.

Ein Sportjournalist muss und darf – abgesehen natürlich von seiner Leidenschaft für die Sportberichterstattung – andere Eigenschaften mitbringen als jemand, der im Politikressort Redakteur ist. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass jedes Ressort einen anderen Typus von Journalist erfordert, damit Charakter, Temperament und Interessen zusammenpassen. Gibt es etwas, was man unabhängig vom Ressort mitbringen muss, um ein guter Journalist zu sein?

Ich sehe vier Tugenden, die unabhängig von Ressort und Plattform gefragt sind und jeden Wandel überdauern: Die Fähigkeiten zu hartnäckiger Recherche, treffender Analyse, klarer Sprache und deutlichen Worten.

Gutes Personal ist schwer zu finden. Auf der anderen Seite stellt sich bei der Bewerbung um ein Volontariat die Frage: „Wie macht man sich für ein Volontariat interessant?“

Wer mit klugen eigenen Fragen über die Branche, zu den Perspektiven seines Berufes und zum Zeitgeschehen ins Gespräch kommt, fällt garantiert auf und weckt die Neugier seiner Gesprächspartner. Unabdingbar sind zudem spannende Lese- und Arbeitsproben.

Die Zeitungskrise macht den Verlagen und auch den Lokal-Redaktionen sehr zu schaffen. Weniger Einnahmen durch weniger Anzeigen-Kunden, Abonnentenschwund und die Konkurrenz durch Online-Medien sorgen seit vielen Jahren für den Abbau von Redaktionen. Was können Verlage tun, damit sich Lokaljournalismus wieder lohnt und was können Journalisten dazu beitragen?

In einem eigenen Beitrag zu Perspektiven für eine moderne Heimatzeitung habe ich es einmal so formuliert: Von Journalisten braucht es weiterhin die Bereitschaft, die eigene Position neu zu definieren, digitale Herausforderungen als Chancen anzunehmen und die neue Rolle selbstbewusst und im Zusammenspiel mit engagierten Nutzern zu verfeinern.
Verlage müssen durch technologische Fortschritte, kluge Kooperationen und einer ausbalancierten Mischung aus Bezahlmodellen und Werbeerlösen ihre wirtschaftlichen Grundlagen neu ordnen.

Und nicht zuletzt braucht es die Leser und Nutzer, die den Wert guter Nachrichten und wertiger Angebote auch honorieren.

Die Öffnung von Zeitungsredaktionen ins Internet bringt Aufgaben mit sich, die es früher in dieser Art nicht gab. Wo in Offlinezeiten 1 bis 2 Leserbriefe pro Woche eintrudelten, müssen sich die Redakteure in den Kommentarspalten unter ihren Artikeln mitunter einer Flut von Kommentaren stellen, die selten Lob Anerkennung für die gründliche Recherche enthalten, sondern öfter Hetze und Beleidigungen, geschrieben von Trollen, Wutbürgern und neuerdings auch von Chat-Bots. Erfordert diese Art des Feedbacks neue journalistische Tugenden?

Nein. Die Fähigkeit, auf Augenhöhe – und wenn nötig bestimmt – zu kommunizieren, sowie die Gabe, sich selbst nicht zu wichtig und Trolle (früher: „Vielschreiber“) nicht zu ernst zu nehmen, sehe ich eher als grundlegende Tugenden an.

Was Journalisten haben sollen

  • Nervenstärke: kurz vor knapp noch die Titelseite komplett umschmeißen, obwohl die Druckerei schon zweimal angerufen hat – dafür muss man die Nerven haben
  • Arbeitsdisziplin: gründlich arbeiten, pünktlich abliefern und die Zeit sinnvoll nutzen
  • Selbstvertrauen: fremde Menschen zum Reden bringen, berechtigte Kritik ertragen und annehmen, unberechtigte Kritik abschütteln, dranbleiben auch bei Widerstand
  • Begabung: ein gewisses Maß an Intelligenz, Sprachtalent und schnelle Auffassungsgabe
  • Charakter: Neugier, ein gewisses Maß an Streitlust, Rückgrat, meist hinderlich: Hochmut
  • Fachkenntnisse: handwerkliches Wissen und Techniken des Schreibens, technisches Wissen, zum Beispiel CMS-Systeme, Videotechnik, je nach Medium
  • Weltkenntnis: umfassende Allgemeinbildung, ergänzt um Spezialwissen zwecks Spezialisierung

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Das Interview führte Barbara Stromberg // „Schreiben als Beruf“