Das Netzwerk Texttreff hat eine unerschöpfliche Vielfalt an Expertinnen der unterschiedlichsten Textarten, Formen und Spielarten zu bieten. Erstaunlich, was sich aus den 30 Buchstaben, die uns allen zur Verfügung stehen, so alles machen lässt.

Annette Schelb von der Textmafia ist ein durch und durch künstlerischer Mensch. Zu ihrer sprachlichen Kunst gehören die Haiku. 

Danke für deinen Gastbeitrag auf „Scheiben als Beruf“!

Autorin: Annette Schelb

Insbesondere für Werbetexter und Menschen, die komplexes Wissen in Präsentationen oder in journalistischen Beiträgen nachvollziehbar herunterbrechen und eine eigene Handschrift entwickeln wollen, ist das Schreiben von Haiku hervorragend geeignet, Stil und Form zu perfektionieren – insbesondere dann, wenn sie sich auch in poetischen Haiku üben und sich die Tiefenebene der Sprache (neu) erschließen möchten.

Traditionelle Haiku

Das oder der Haiku ist eine traditionelle japanische Gedichtform, die auf Moren basiert und als kürzeste Gedichtform der Welt gilt. Unverzichtbarer Bestandteil eines traditionellen Haiku sind Konkretheit und der Bezug auf die Gegenwart, meist auch auf eine Jahreszeit.
Als Wesensmerkmal gelten außerdem die nicht abgeschlossenen, offenen Texte, die sich erst im Erleben der LeserInnen beim Hören oder Lesen entfalten und vervollständigen.

Haiku bieten den minimalistischen Rahmen für den Ausdruck erlebter Momente, Gedanken und Gefühle, die in Bilder bzw. Metaphern ausgedrückt werden, die oft das Empfinden widerspiegeln.

Bild: Fallende Blätter
Assoziation: Herbst
Gefühl: Melancholie.

Das meistzitierte Haiku der Welt ist wohl Matsuo Bashōs Frosch-Haiku:

Übersetzung des Urtextes

Der alte Weiher:
Ein Frosch springt hinein.
Oh! Das Geräusch des Wassers.

Moderne Übersetzungsvariante mit weniger Silben

Uralter Teich.
Ein Frosch springt hinein.
Plop.

Haiku wurden von westlichen Haijin „europäisiert“ und modernisiert.
Im Deutschen werden Haiku meist dreizeilig auf der Basis von Silben geschrieben, die nicht den japanischen Moren entsprechen, aber eine Konvention im europäischen Raum darstell(t)en.
Bis etwa um den Übergang ins 21. Jahrhundert galt die Vorgabe von 5 – 7 – 5 Silben (5 Silben in der 1. Zeile, 7 in der Mitte, 5 in der 3. Zeile).

Davon haben sich allerdings die meisten deutschsprachigen Haijin entfernt.

Sie kommen ohne Verlust des inhaltlichen Gedankengangs oder des gezeigten Bildes mit weniger als 17 Silben aus und halten sich auch nicht mehr an die lange vertretene Ansicht der Deutschen Haiku-Gesellschaft, Haiku seien reine Naturgedichte.
Inzwischen vertreten viele westliche Haijin den Freien Stil.
Das moderne Haiku bleibt aber eine Momentaufnahme: Eine Beobachtung wird (als Empfindung) zum Ausdruck gebracht und entfaltet und vervollständigt sich erst beim Lesen oder Hören.

Die Sonderform: poetische Miniaturen 

Ein poetisches Haiku kann durchaus auch schon mal als surreale Haikuh daherkommen.

Auch Highküsse sind möglich, und sie machen tatsächlich high, denn sie bringen die Welt verdichtet auf den Punkt, sie komprimieren die Unendlichkeit des Möglichen und äußern sie in der dichtesten Gedichtform überhaupt.

Poesie hat in diesem Zusammenhang eine ganz besondere Qualität, nämlich eine sich der Sprache entziehende und über sie hinausgehende Wirkung, die insbesondere sinnlich ist und nicht unbedingt der Logik folgt. Die Poesie darf durchaus abstrakt und surrealistisch daherkommen und sich als Ausdruck höchster geistiger Freiheit auch dem Verstand bzw. den üblichen Denk- und Sprachmustern entziehen.

Freiraum für die Seele

Menschen, die Poesie erschaffen, brauchen diesen Zwischenraum, in dem sie sein, wahr-nehmen, beobachten, spüren und empfinden dürfen – in der Meditation, beim Tanz oder im Einfachnurbeschaulichdasitzen, denn manchmal sind es die kleinen Glücksmomente, die magisch sind und ihren Ausdruck finden.

Wenn in der Ruhe die Kraft liegt und Glück heilen kann, wie immer wieder behauptet wird, sind Haiku also Stärkungs- und Heilmittel, die Zwischenzeiten schenken und damit das Leben schöner machen und verlängern. Selbst dann, wenn sie nur als Technik zur Perfektionierung von Form und Stil dienen.

Rezept für das Schreiben poetischer Miniaturen

Es reicht, den Augenblick – wie intensiv, entschwebt und lange auch immer – wahrzunehmen und mehr oder weniger poetisch (bildlich, assoziativ, lautmalerisch, surreal, ironisch …) in 5 – 7 – 5 oder weniger Silben zu verpacken, und schon ist ein Haiku fertig.

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Zu Annette Schelb:

Sie ist

  • Diplom-Übersetzerin
  • Diplom-Tanzpädagogin
  • Bewegungstherapeutin und
  • Mediatorin und habe außerdem 
  • Rhetorik, Kommunikation und Sprecherziehung studiert.

Sie konzeptioniert und textet, übersetzt und lektoriert allgemeinsprachliche, technische und wissenschaftliche Texte und gibt
verschiedene Kurse im Bereich Literatur und Tanz sowie Kurse, die sich um Rhetorik und Kommunikation drehen – doch am
allerliebsten schreibt sie Haiku, tanzt, liest und plaudert mit anderen Menschen.

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