Benjamin Eidam ist Ghostwriter und Dozent für Raptexte. Vom anspruchsvollen Rap für bekannte Rapgrößen bis hin zum Rap für Firmenfeiern bedient er jede Menge Anfragen. Nur die nicht, die von ihm „sexistischen oder gewaltverherrlichenden Kram“ im Text haben wollen. „Das ist nicht mein Niveau und deswegen fallen auch schon gleich viele der Anfragen durchs Raster.“

 

Benjamin Eidam

Daniela Wohlfromm, seit über 20 Jahren als selbstständige „Textwerkerin“ für Werbung und PR unterwegs, hat Benjamin, genannt Ben, zu seinem „Nebenjob“, dem Rap-Texten, interviewt. Daniela liebt den kreativen und künstlerischen Umgang mit Sprache, hat selbst schon Songs und jede Menge „Poesie“ verfasst, sich bisher jedoch weniger mit dem Musik-Genre des „Rap“ befasst. Sie war erstaunt über das Rap-Universum, das sich vor ihr auftat. Pa pa pa – pa pa pa – papap – papap – papapapapap … Double time, tripple time, quadro time. Was es damit auf sich hat, wie man zu guten Reimen kommt und was die wichtigsten Kriterien sind, um einen guten Rap zu schreiben, verrät uns Benjamin Eidam im nachfolgenden Interview.

 

Heute schon gerappt, Ben?

Heute mal gerade nicht. Aber morgen erarbeite ich einige Tracks für ein Album.

Du bist also gut ausgelastet mit dem Ghostwriting von Raptexten?

Ja, im Durchschnitt sind es ein bis zwei Anfragen die Woche. Das reicht auch. Wenn eine davon ein ganzes Album ist, hab ich genug zu tun. Vor allem, weil es eher so ein Nebending ist. Im offiziellen Leben bin ich selbstständiger Dozent und Speaker für Digitalisierung.

Wie bist du dann zum Rap-Ghosten gekommen?

Ich hab‘ mit 17 damit angefangen. Ein Freund war als Produzent tätig und hat viel Rap gemacht. Vorher war ich eher in der Punk- und Metalszene zu Hause. Dann hab ich mich neu orientiert. Ich begann mit den ersten Raptexten, und da ich sehr technikorientiert bin, hab ich lange an meinen Texten gefeilt, bis ich was aufgenommen habe. Ich wollte immer die perfekten Reime, die perfekten Flows. Komplexität, Geschwindigkeit – double, tripple time – waren seit jeher meine Fokuspunkte. Der besagte Freund hat ein kleines Ghostwriter-Netzwerk aufgebaut. Ich habe mit ihm eine Reihe von Texten als Ghost geschrieben und jetzt meine eigene Plattform aufgemacht. Einfach, weil es mir Spaß macht.

Rapper geraten häufig in die Schlagzeilen durch Kriminalität oder anstößige Texte. Gehören Pöbeleien unter der Gürtellinie beim Rappen zum guten Ton?

Für mich nicht. Weder ich, noch die Ghosts aus meinem Netzwerk, schreiben rassistische, sexistische oder gewaltverherrlichende Texte. Das steht auch so auf der Webseite. Dennoch wird sowas häufig angefragt. Viele wollen Bling und Ketten, Gewalt und Gangsta. Die wollen damit groß rauskommen. Ich habe aber einen anderen Anspruch und finde, es gibt schon genug solcher Sachen auf der Welt. Daher unterstütze ich lieber konstruktive und positive Künstler.

Hat denn anspruchsvoller Rap eine Chance?

Ich sehe zwei Strömungen. Auf der einen Seite wird der Ton immer härter, auf der anderen Seite gibt es immer mehr intelligente und inhaltsreiche Raptexte, die auch schon die jüngere Generation ansprechen. Ich bin der Meinung, dass der intelligente Rap so langsam den Party- und Gangsta-Rap ablöst, bei dem kein Wort schwerer als H a c k b r a t e n ist. Ein Beispiel ist Alligatoah. Für mich ein Wellenbrecher in diesem Bereich.

Wie würdest du deine Auftraggeber beschreiben?

Ich würde meine Zielgruppe in drei Bereiche unterteilen.
Einmal diejenigen, die den klassischen Rap wollen – ziemlich professionell. Sie haben entweder selbst keine Zeit für das Texten oder lassen sich generell ghosten. Das gibt es in allen Größenordnungen – vom Studenten, der gern schreibt und das auf eine nächste Stufe bringen will bis hin zu bereits bekannten Künstlern. Die Namen darf ich natürlich nicht nennen.

Der zweite große Bereich, das sind die Hochzeitsraps. Viele Bräute fragen an, die ihren Freund überraschen wollen. Das macht am meisten Spaß. Es sind immer Texte, die sehr inhaltsreich sind und auch sehr ans Herz gehen.

Als drittes wären da noch die Firmenanfragen. Ich hatte mal eine Firma aus der Schweiz. Das waren acht Leute aus dem mittleren Management. Für ein Firmenjubiläum wollten sie ihren Geschäftsführer überraschen. Jeder von ihnen hatte sich vorgenommen, eine Rapstrophe vorzutragen.

Ist das Ghostwriting in der Rapszene üblich?

Üblich schon – ebenso wie in der Popszene. Nur, dass man erst jetzt darüber spricht. Einige der Top-Rapper haben bereits zugegeben, dass sie sich unterstützen lassen. Bei manchen hört man es deutlich, dass sie inzwischen einen Profi an ihre Texte lassen – das Niveau steigt. Doch es ist noch ein Thema, das gerade viel diskutiert wird. Gerade beim Rap wird ja erwartet, dass du deine eigenen Texte und deine eigene Geschichte schreibst. Das macht die Kredibilität aus. Wenn du das Texten abgibst, bis du eine schlechterer Rapper oder dein Image ist nicht echt. Wobei man hinterfragen kann, ob ein Image, das komplett am Reißbrett entworfen wurde, als echt bezeichnet werden kann. Doch das ist eine andere Geschichte. Ich, als Technikliebhaber, finde es jedenfalls gut, wenn die Raptexte dadurch besser werden.

Was macht aus deiner Sicht einen guten Raptext aus?

Er sollte zum Rapper passen, eine Message transportieren, im gewissen Grade Eloquenz besitzen, so dass man sich länger mit dem Text beschäftigt. Zudem sollte er einen technisch orientierten Stil haben. Das heißt, lange Reimketten, double-times … Wobei manchmal auch simpler Rap besticht. Ein gutes Beispiel ist ‚Kollegah‘. Er ist ein Marker in der Richtung, ist nur durch seine Technik groß geworden. Damit hat er eine ganze Reihe Leute beeinflusst. In seinen Anfängen hatte er bei Ebay eine Rapzeile für 3000 Euro angeboten. Er meinte: ‚Ich schreibe technisch so gut, da kommt ihr nicht dran. Doch es kann euch helfen.‘

Was genau meinst du mit ‚technisch‘?

Im Wesentlichen, komplexe Nomenreime aufeinander. Also ein Substantiv, das mehrere Silben lang ist, dann ein weiteres Substantiv, bei dem sich die Vokale sehr gut auf das erste reimen. Zum Beispiel: ‚Kamikazebefehle‘ als Reim auf ‚Arianerakete‘ oder ‚Lastkraftwagenfahrer‘ auf ‚Anlageberater‘.

In welchen Sprachen rappst du?

Mittlerweile nur noch in Deutsch. Früher hab ich auch ein bisschen in Englisch gerappt. Aber in Deutsch fühle ich mich zu Hause. Außerdem fasziniert mich Rap in deutscher Sprache. Wir sind einige der wenigen Sprachen, die Sinn ergebende Wörter wie ‚Magnetresonanztomografie‘ bilden können. Und daraus können wir dann Reime machen wie ‚Magnetresonanz‘ und Paketdekoband – oder, nicht ganz als reiner Nomenrein ‚Magnetresonanztomografen‘ auf ’spann’ndes Legoland voller Farben‘. Diese zusammengesetzten Substantive, die sich aufeinander reimen, das hat man in fast keiner Sprache in dieser Virtuosität.

Rappen ist schon sehr anspruchsvoll, ein eigenes Genre. Hab es mal versucht, fand ich schwer. Reim ist ja schön und gut, aber wie bekomme ich das jetzt in einen ansprechenden Beat? Wie bekomme ich den Rhythmus hin?

Ja, wie kriegst du eigentlich den Flow auf den Text hin … Die Leute haben entweder einen super guten Text, kriegen ihn aber nicht auf den Beat. Oder sie haben den Beat, kriegen aber keinen ordentlichen Text zusammen. Ich habe keine Ahnung, warum das so ist. Aber das erlebe ich ich sehr häufig.

Ben, das war spannend und aufschlussreich, was du uns über das Rappen, das Raptexten und die derzeitige Entwicklung erzählt hast. Ich könnte mir vorstellen, dass nun einige der Leser richtig Lust bekommen haben, es mal mit dem Raptexten und vielleicht der eigenen Performance zu versuchen. Die nachfolgenden Hinweise von dir können dabei sehr hilfreich sein. Herzlichen Dank für das Interview und die Tipps!

Für alle, die gern mal ihren eigenen Rap komponieren möchten, hat Benjamin Eidam ein paar Hinweise zusammengestellt:

In drei Schritten zum Raptext

  1. Wenn du rapst, mach das über Inhalte, die wirklich mitreißen. Schreibe über das, was dein Herz bewegt, dann kommst du auch authentisch rüber.
  2. Höre dir soviel wie möglich an Rapsongs an. Lerne die Texte auswendig, unterscheide die verschiedenen Stile, höre den Beat, markiere die Reime und rappe mit! Desto mehr du dich damit auseinandersetzt, desto eher bekommst du ein Gefühl dafür. Ein gute Plattform für Songtexte ist www.genius.com. Auch die Kommentaren helfen weiter, um ein Gesamtverständnis vom Rap zu bekommen. Hier steht z. B. drin: ‚Der Rap hat eine Double-time, die sich orientiert an dem Flow aus einem Song von 1981 …‘ Hör dir „Kamikaze“ von Eminem an! Wenn du dieses Album aus dem Stand mitrappen kannst, hast du die Flow-Grundausbildung bestanden.
  3. Schreib eigene Texte, rap einfach drauf los. Es gibt keine Alternative zum Selberrappen und Texte schreiben. Egal was du liest, nur lesen hilft nicht. Beim Rap heißt es: Einfach machen. Rap ist eine Gefühlssache. Gerade Flow ist 100 % nur Gefühl. Kann man zwar auch wie eine Maschine – hier eine Zählzeit, dort eine Zählzeit … Aber, um das flüssig hinzubekommen, braucht man das Gefühl dazu.

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