Gendern: Ja, aber …

#365schreibtippsIch möchte mit einem Zitat aus Tipp 51 der Kollegin Berthold beginnen: „Gendern bleibt.“

Ich antworte darauf „Und das ist gut so“, also mit einem Satz, der schon so oft aus dem engen Zusammenhang gerissen wurde, dass er inzwischen eigenständig dafür steht, dass Dinge gut sind, so wie sie nun mal sind.

Gendern bleibt und das ist gut so, ABER …

Gegendert wird in unterschiedlichen sprachlichen Formen, mit verschiedenen Mitteln. Alle haben sie ihre Vor- und Nachteile – und das ist alles andere als trivial. Sogar dass überhaupt gegendert wird, hat auch Nachteile, oder vielleicht besser ausgedrückt: Gendern gibt es nicht umsonst. Der Preis des Genderns: Geschlecht wird (wieder) betont/wichtig in Bereichen, in denen es (bereits) keine Rolle (mehr) spielt(e).

… Gendern ist KEINE Formalie

Wer gendert, indem si:er einfach alle sogenannten generischen Maskulina ersetzt, di:er verschlimmbessert womöglich.

Ein klassisches Beispiel: „An der Veranstaltung nahmen 100 Experten teil.“

Mögliche Gendervarianten sind: „An der Veranstaltung nahmen 100 Expertinnen und Experten teil.“, „An der Veranstaltung nahmen 100 Expert*innen teil.“, „An der Veranstaltung nahmen 100 Expert.innen teil.“ usw.

Sollten sich diese 100 jedoch aus 92 Männern und 8 Frauen zusammensetzen (jeweils phänotypisch, denn niemand sollte die Hundert nach ihrem Geschlecht befragen), in dem Fall verfälscht Gendern die Realität. Auch „An der Veranstaltung nahmen 100 Menschen mit Expertise teil.“ ist keine Lösung, denn der Satz ignoriert dieses hanebüchene Verhältnis. Also „An der Veranstaltung nahmen 92 Experten und 8 Expertinnen teil.“? Eventuell. Aber ein neutraler Satz ist das selbstverständlich nicht mehr, nach dem man an dem eigentlichen Thema einfach weiterschreiben könnte; die Leser:in erwartet mit Recht einen Kommentar zu 92:8. Dann „An der Veranstaltung nahmen 100 Experten teil.“ so lassen? Wohl kaum, denn der Satz verfälscht und ignoriert.

Und wenn Sie die Realität nicht kennen, wäre es gewagt, bei „Experten“ weitere Geschlechter als das männliche anzunehmen. Denn das Gendern hat doch bereits viele Schreibende erreicht. Vielleicht ist also gemeint, was da steht, nämlich 100 Experten.

Neutrale Formen neutralisieren

Eine weitere Möglichkeit des Genderns ist die Verwendung neutraler Begriffe. Team, Leitung, Abbruchquote, Kontakt, Arbeitskraft, Kollegium, Redeliste, lesefreundlich usw. Auch hier gibt es ein Aber: Die Menschen verschwinden. „Leitung“ ist neutral, aber wer leitet denn da, wer trägt die Verantwortung? „Abbruchquote“, aber dahinter stehen doch die, die abgebrochen haben, die Abbrecher und Abbrecherinnen, also Schicksale. Menschen, die arbeiten, auf „Arbeitskraft“ zu reduzieren, ist ja wohl voll krass kapitalistisch. Und die Reden selbst interessieren mich eigentlich nicht groß, ich will die Redner:innen live sehen; deshalb bin ich da.

Gendern braucht Nachdenken

Nichtgendern geht nicht mehr. Jedoch ist beim Gendern mehr zu bedenken als gemeinhin gedacht. Gendern ist keine Formalie. Und das ist weder gut noch schlecht, sondern Sinn der Sache.

#365schreibtipps #wirksamschreiben

Ein exklusiver Beitrag zu #365schreibtipps

von Angelika Pohl, www.lektorat-zugang.de

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