Autorin: Andrea Görsch
„Leben, schreiben, atmen“ von Doris Dörrie erschien im April 2025 im Diogenes Verlag. Es ist, laut Untertitel, eine „Einladung zum Schreiben“. Ich meine, dass es auch eine Einladung zum Sich-irgendwohin-Denken ist. Das kann eine gute Idee sein, wenn einem die Welt zu absurd vorkommt.
Ebenfalls eine gute Idee ist es, sich zu vernetzen – so wie wir im Texttreff das schon lange tun. Das Blogwichteln, das gegenseitige Verschenken von Blogbeiträgen, ist inzwischen Tradition in diesem fabelhaften Netzwerk. Deshalb schreibt hier die Wortladen* für Schreiben als Beruf: Voilà!
Worum geht’s in „Leben, schreiben, atmen“?
Spoiler: Man kann das Buch lesen, ohne selbst zu schreiben, weil die Autorin und Filmemacherin Doris Dörrie schreiben kann. Deshalb liest sich das Buch, wenn man es „nur“ liest, so schön und erfüllend. Man lernt die inspirierende Person, die Doris Dörrie ist, ein wenig kennen. Wenn man jedoch mitschreibt, lernt man die inspirierende Person, die man selbst ist, besser kennen.
Dörrie schreibt sich mit kleinen Geschichten durch ihr Leben. Oder wie sie es im Vorwort sagt: „Schreibend erinnere ich mich an mich selbst.“ Am Ende eines jeden Kapitels steht in Kursiv eine Anleitung (hier auf Seite 43): „Schreib über das Lügen. Hast du als Kind wenig oder viel gelogen? Gar nicht gelogen? Wirklich?“
Wetten, dass gleich der innere Kritiker schreit: „Bäh, ich kann das nicht!“ Diesen fiesen Gedanken kontert Dörrie in der Einleitung direkt weg. Es geht nicht um „höher, schneller, weiter“. Es geht um die eigene Schatzkiste der Erinnerungen, die ans Licht gebracht werden will. Ihr Tipp: Einfach weiterschreiben, ohne Pause und ohne am Stift zu kauen. Machen, schreiben!
Charmant und kein klassischer Schreibratgeber
„Leben, schreiben, atmen“ ist definitiv kein Schreibratgeber. Das Buch ist nicht geeignet, um das Schreiben zu lernen. Bonustipp: Für alle, die das Schreibhandwerkzeug (kennen-)lernen möchten, empfehle ich stattdessen „Texten können: Das neue Handbuch für Marketer, Texter und Redakteure. Mit Checklisten und Schreibanleitungen für alle Textarten“ von Daniela Rorig.
Wer jedoch sich – und damit auch die Welt um sich herum – besser kennenlernen möchte, dem lege ich Doris Dörries Buch ans Herz. Vielleicht entwickelt sich eine kleine Schreibroutine:
- täglich ein Kapitel
- oder wöchentlich eines
Es sind 50 Kapitel, das Jahr ist noch jung. Mal sehen, wie viel Text am Ende des Jahres zusammengekommen ist. Welche Erinnerungen freigelegt wurden …
Das kleine und große Glück festhalten
Dank Doris Dörries charmanter und klarer Sprache und dank der Kürze der Kapitel ist die Chance groß, dranzubleiben. Und genau darin liegt das Glück dieses Buchs: sich selbst näherzukommen, die eigenen Gedanken festzuhalten, der Welt kurz zu entfliehen und sie vielleicht sogar ein wenig besser zu verstehen.
* Die Wortladen aka Andrea Görsch, freiberufliche Texterin, Werbelektorin und Trainerin.
