Heike Abidi ist studierte Sprachwissenschaftlerin, konzeptionelle Werbetexterin und seit einigen Jahren auch Autorin*. Sie schreibt Geschichten, Romane sowie Kinder- und Jugendbücher mit Humor, Charme und viel Gefühl. Ihr Ziel ist es, gut zu unterhalten.

„Schreiben als Beruf“ hat sie zum Thema Schreibblockade befragt.

Heike Abidi

Sieben Bücher in zwei Jahren. Andere Autoren schaffen keine zwei Bücher in sieben Jahren. Ist dir überhaupt jemals eine Schreibblockade ‒ oder was der Volksmund dafür hält ‒ untergekommen?

Schreiben ist schon seit fast 25 Jahren mein Beruf, und dieses Jahr ‒ genauer gesagt am 1. Juli ‒ arbeite ich seit genau 20 Jahren freiberuflich. Es gehört also zu meinem Leben wie das Atmen, und wie das geht, vergisst man ja auch nicht so einfach …
Bücher schreibe ich zwar erst seit fünf Jahren, aber vorher war ich im Grunde ebenso produktiv. Über siebenundzwanzig Imagebroschüren oder drölfzig Werbemailings hat sich allerdings nie jemand gewundert. Bücher scheinen irgendwie beeindruckender zu sein.
Übrigens haben viele Autoren einen hohen Output. Und bei denen, die weniger schreiben, liegt das nicht unbedingt an der vielzitierten Schreibblockade, sondern zum Beispiel auch daran, dass sie einen zeitaufwändigen Brotjob haben.

Wie sieht der übliche Schreibprozess bei dir aus? Wie viel Zeit nimmt die Planung vorab ein und wie kommt die Struktur in deine Texte?

Ich bin definitiv eine Planerin. Ohne Konzept schreibe ich nicht mal eine Einladungskarte. Und erst recht keinen Roman … Wer ungern plant, hat mehr Arbeit im Überarbeitungsprozess. Einmal muss man eben fleißig sein, vorher oder nachher. Funktioniert beides, aber für mich kommt nur die Vorher-Methode in Frage.
Bevor ich den ersten Satz eines Buches schreibe, plotte ich den kompletten Inhalt, lege die Figurenbeschreibungen an und ihre Grundkonflikte, erstelle eine Kapitelübersicht und meist sogar einen Zeitplan:
Angestrebte Seitenzahl geteilt durch Tage bis zum Abgabetermin minus ein paar Puffertage ist gleich die Zahl der Seiten, die ich täglich schaffen muss, um pünktlich fertig zu werden. Auf diese Weise rechne ich mir den scheinbar unüberwindlichen Berg mit dem beängstigenden Namen „300 Seiten in 2 Monaten“ um in harmlose Häppchen von 6 Normseiten pro Tag.

Du bist Autorin erfolgreicher Romane und Werbetexterin. Die Ergebnisse deiner Textarbeit sind also recht unterschiedlich. Vor allem in ihrer Länge. Wie wirkt sich das auf das kreative Denken aus? Ist das Vorgehen der Ideenfindung je nach „Genre“ grundsätzlich anders?

Anders als bei Romanen, die ja komplett meiner Fantasie entspringen, sind beim Werbetexten Inhalt, Botschaft und Zielgruppe vorgegeben; meine Aufgabe ist es, diese Vorgaben exakt umzusetzen. Und natürlich sind Werbetexte deutlich kürzer als ein Buch.
Dennoch gibt es jede Menge Gemeinsamkeiten und auch viele Dinge, die ich vom Texten fürs Bücherschreiben gelernt habe. Zum Beispiel unnötigen Firlefanz wegzulassen. So zu schreiben, dass das Lesen Freude macht ‒ nicht die Leser sollen sich abmühen müssen, sondern ich. Hinzu kommen so generelle Dinge wie zuverlässig zu sein, pünktlich abzugeben, erwachsen mit Kritik umzugehen. Und für den Leser zu schreiben, nicht fürs eigene Ego! Sonst könnte man ja auch einfach ein Tagebuch führen.
Das kreative Denken wird sowohl beim Texten als auch beim Geschichtenschreiben von zentralen Fragen bestimmt: Was will ich erzählen? Was soll beim Leser ankommen? Wie soll er sich beim Lesen fühlen? Wie ich mich beim Schreiben fühle, spielt dagegen überhaupt keine Rolle.

Du bist sicherlich schon tausendfach gefragt worden, woher du deine Ideen nimmst. Um deine Antwort vorweg zu nehmen: Du hast mal geantwortet, dass die Grundlage oft eine Was-wäre-wenn-Frage ist. Aus einer griffigen Figur und ihrem Konflikt ergeben sich die Ideen zur Handlung wie von selbst. Kennst du denn auch vorab das Ziel der Reise, also im Idealfall die Auflösung des Konflikts, bevor du schreibst? Und bleibt es dann auch dieses Ziel?

Ja, bei diesem Ziel bleibt es. Wie gesagt, ich plotte alles durch, bevor ich mit dem eigentlichen Schreiben loslege. Aber das betrifft vor allem den reinen Ablauf der Handlung, nicht die vielen Details, die so eine Geschichte erst lebendig machen.
Beim Schreiben kann es also durchaus vorkommen, dass eine Figur viel wichtiger wird als ursprünglich geplant, dass sie eine Schrulle entwickelt oder sogar völlig unerwartete Dinge tut. So lange das nicht den Hauptplot bedroht, erlaube ich mir die Freiheit, die Ideen einfach fließen zu lassen.
Und das tun sie auch, wenn der Grundkonflikt stimmt. Man muss seine Figuren im Grunde nur in eine ungewohnte, möglichst schwierige Lage bringen, und schon passiert alles Mögliche …

Ganz praktisch: Wie organisierst du deine Ideen und auch mögliche Handlungsvarianten, Plots und Verbindungen zwischen den Figuren und was können Unternehmer für ihre Arbeit an Ihren eigenen Texten daraus lernen?

Ganz wichtig ist es, groß zu denken, nicht klein. Nicht an einer Formulierung zu hängen, sondern an der Aussage. Nicht zu überlegen, wie man sich am elegantesten ausdrückt, sondern welche Info beim Leser ankommen soll.
Solange man für sich selbst die Botschaft und die Zielgruppe nicht genau definiert hat, gibt es auch keine perfekten Formulierungen. Wenn man sich aber darüber im Klaren ist, was man sagen will, finden sich auch die Worte. Am besten Worte, die auch für ein Kind verständlich wären – kein Geschwurbel, das alles unnötig verkompliziert.
Klingt ganz einfach, oder?

Klingt vor allem nach einem guten Plan! Vielen Dank für das Interview!

* Was hat Heike Abidi geschrieben? Schaut gerne hier bei Amazon (Promo-Link)!

Das Interview führte Barbara Stromberg // „Schreiben als Beruf“