Silke Stach ist Diplom-Biologin (FU Berlin) mit einem Doktortitel im Bereich Neuro- und Kognitionswissenschaften. Seit 2012 ist sie freischaffende Autorin, Redakteurin und Lektorin im Bereich Naturwissenschaften. Sie schreibt Lehr- und Lerntexte für alle Altersgruppen von der Primarschule bis zur Erwachsenenbildung, z. B. Schulbücher und Unterrichtsmaterial. Seit 2009 lebt sie in der Schweiz.

„Schreiben als Beruf“ hat sie zum Thema Struktur befragt.

Silke Stach

Dein Job ist es, große Haufen von Fakten in kleine, gut verdauliche Häppchen zu zerlegen. Wie findest du die Balance zwischen dem wissenschaftlichen Anspruch und den didaktischen Möglichkeiten? Anders gefragt: Woher weißt du, wie viel Schulstoff in einen Schulkindkopf passt?

In einen Schulkindkopf passt unglaublich viel hinein, wenn man den Eingang findet! Die Grösse des Datenhaufens ist schnurz, aber den Eingang in den Kindskopf zu finden, ist nicht einfach. Am besten gelingt das, indem man Interesse oder besser noch Begeisterung weckt. Das Kind, das ein riesiges Detailwissen über Flugzeugmodelle oder Beuteltierarten hat oder einem mit 6 Jahren den Bowdenzug einer Fahrradbremse erklärt, ist fast jedem schon mal über den Weg gelaufen. Da gibt es Begeisterung und Neugier und schon – schwupp! – Wissen drin im Hirn!

In Schulbuchtexten ist schwieriger, Interesse zu wecken. Die Themen sind eng und der Platz ist knapp. Eine Möglichkeit ist, eine Verbindung zu schon Bekanntem zu schaffen und an die Erlebenswelt der Schülerinnen und Schüler anzuknüpfen. Bei einem Schulbuchkapitel über Ernährung und Verdauung könnte das in etwa so aussehen: „Du sitzt über deinen Matheaufgaben und kommst nicht voran. Du kannst dich einfach nicht konzentrieren, weil dein Magen knurrt! Unser Körper braucht Treibstoff, um zu funktionieren: für die Muskeln, alle Organe und auch das Gehirn. Der Treibstoff für unseren Körper ist das Essen.“, und so weiter und so fort. Diese Strategie habe ich übrigens auch bei diesem Text im ersten Abschnitt genutzt (gefunden?) und sie wird in vielen Textarten verwendet. Man denke nur an Werbetexte. Noch besser als eine Verknüpfung mit Bekanntem funktioniert, gerade bei Kindern im Grundschulalter, das Erfahren, das Machen, das Experimentieren. Aber das ist aufwendig und im Unterricht nicht immer umsetzbar.

Ich bin froh, dass es Einschränkungen gibt, die meine überschäumende Begeisterung eindämmen. Gerade bei Material für Schulen gibt es sehr klare Vorgaben. Zum einen sind das die Lehrpläne, die die Masse an Wissen, die vermittelt werden soll, vorgeben. Die Themen sind klar. Die Verlage haben Richtlinien für ihre Texte oder ein durchgehendes Konzept in ihren Unterrichtswerken, und daran muss ich mich halten. Didaktische Aspekte spielen eine Rolle.

Weitere Einschränkungen sind Sprachkenntnis und Textverständnis. Die Texte müssen dem Niveau der Altersgruppe angepasst sein. Innerhalb dieser Vorgaben entstehen meine Texte und ich nutze das als Hilfe, als eine Art Gerüst, an dem ich den Fachinhalt aufhängen kann. Wichtig ist – und da habe ich ein ganz ausgeprägtes Verantwortungsgefühl – die fachliche Richtigkeit, die wissenschaftliche Präzision. Mir ist ganz wichtig, so präzise wie möglich zu sein, egal, wie eng die Vorgaben sind. Durch Reduktion wird Information verändert – hier Fehler zu vermeiden, ist das Schwierigste.

Wie muss man sich deine Arbeitsprozesse praktisch vorstellen? Wie wird aus den gewünschten Inhalten ein fertiges Buch mit Texten, Grafiken, Übungen?

Das ist ganz unterschiedlich. Nur in wenigen Fällen arbeite ich allein. Meistens gibt es ein Redaktionsteam, in dem jeder bestimmte Aufgaben übernimmt. Im Moment arbeite ich zum Beispiel als Biologie-Fachredakteurin in einem Schulbuchprojekt. Es geht darum, ein deutsches naturwissenschaftliches Unterrichtswerk für das Schweizer Schulsystem und an den Lehrplan 21 (ein neuer, kompetenzorientierter Lehrplan, der erstmals für die 21 deutsch- und mehrsprachigen Kantone gilt und demnächst in Kraft tritt) anzupassen. Die Projektleitung liegt beim Verlag, der didaktische Leiter ist Professor für Naturwissenschafts- und Technikdidaktik und es gibt ein Team von Autoren und Fachredakteuren für die unterschiedlichen Themenbereiche. Wir haben regelmäßige Meetings, in denen wir uns austauschen, diskutieren und besprechen. Die Fäden laufen in der Redaktion des Verlags zusammen und nach und nach entsteht das fertige Werk.

Es gibt auch den Fall, dass ich einen klaren Auftrag bekomme: „Dieser Text entspricht nicht mehr dem aktuellen Wissensstand, bitte die notwendigen Anpassungen vornehmen.“ Und das mache ich dann.

Nur in seltenen Fällen setze ich eigene Ideen um. Aber auch da arbeite ich nicht allein, sondern im Team und wir entscheiden gemeinsam über Konzept, Aufbau und Umsetzung.

Wie behältst du bei all den auch recht tief gehenden Informationen und Details über ein Thema den Überblick?

Wenn ich keine strikten Vorgaben bekomme, dann mache ich sie mir selbst. Klingt komisch, ist aber so. Denn Texte, die naturwissenschaftliches Wissen – egal auf welchem Niveau – vermitteln sollen, müssen den Leser an die Hand nehmen und Schritt für Schritt durch das Thema führen. Und zwar so, dass er folgen kann. Gibt es im Text irgendwo eine Stelle, die nicht verstanden wird, verliert der Leser den Anschluss. Je komplizierter der Sachverhalt, umso wichtiger ist das.

Wenn ich also keine Vorgaben habe, lege ich mir als erstes mein Ziel fest. Das kann lauten: „Die Schüler sollen nach dem Lesen des Textes die Verdauung mit eigenen Worten erklären können.“ oder: „Der Chef der Immohai GmbH soll verstanden haben, warum er das Forschungsprojekt „Grüne Wiesen und Wälder“ mitfinanzieren muss.“. Dann überlege ich, was man wissen muss, um das Ziel zu erreichen und trage das Wissen zusammen, recherchiere. Das ist der Punkt, an dem ich am meisten Acht geben muss, mich nicht zu verlieren. Deshalb setze ich mich mit Stift und Papier hin und fange an, zu malen, bringe Stichwörter in Zusammenhang, verbinde Argumente, lege Logik und Struktur fest, ziehe einen roten Faden.

Das hat Ähnlichkeit mit einem Mindmap. Was hinterher auf dem Papier steht, ist aber gar nicht so wichtig, denn in dieser Phase passiert ganz viel in meinem Kopf. Strukturen entstehen, erste Textfragmente tauchen auf, Dinge rutschen an ihren Platz. Und dann kommt der Moment, in dem ein Text in meinem Kopf fast fertig ist. Dann setze ich mich hin und schreibe. Damit ich nicht an der Zielgruppe vorbei schreibe, stelle ich sie mir beim Schreiben vor. Und ich behalte immer schön den roten Faden im Auge.

Wie schafft es jemand, der wissenschaftliches Schreiben von Uni und Forschung gewohnt ist, seine Texte für den fachfremden Leser verständlich zu schreiben?

Durch Reduktion auf das Wesentliche, klare Logik (der rote Faden!), einfache Sätze. Stilistische Feinheiten sind sekundär, Präzision ist wichtig. Das bedeutet zum Beispiel, dass ich Fachbegriffe durchgehend benutze und nicht – wie sonst oft zu finden – durch Synonyme ersetze, um Wiederholungen zu vermeiden. Wenn ich über Howard Carpendale schreibe, dann schreibe ich immer „Howard Carpendale“ und nicht mal „Howie“, mal „der Schlagersänger“, „der Südafrikaner“ oder „Goldlöckchen“. 😉 Ich entscheide einmal, ob ich „Interzellularräume“ oder „Zellzwischenräume“ schreibe und bleibe dann dabei, sonst gibt es Verwirrung.

Wissenschaftler (Sorry! Es gibt auch Ausnahmen!) schreiben oft… äh, nicht so gut. Als seien sie nicht in der Lage, kurze, gerade Sätze zu formulieren. Das geht von hinten durch die Brust ins Auge: geschwollen, verschwurbelt, kompliziert. Das kann man sich nur erlauben, wenn die Zielgruppe die eigene ist – die versteht’s dann. Wenn ich solch einen Text vor der Nase habe und aus Fachchinesisch in Normalsprache übersetzen soll, gehe ich Satz für Satz vor. Ich frage bei jedem Satz: „Was ist die Aussage?“. Die Antwort schreibe ich auf, möglichst kurz und direkt. So drösele ich alles auf. Wenn ich damit fertig bin, ist der Text holperig und abgehackt.

Dann kommt wieder der rote Faden ins Spiel. Ich hänge die Aussagen dem roten Faden folgend aneinander und verbinde sie auch wieder zu Sätzen mit Nebensätzen. Fachtermini ersetze oder erkläre ich. Meist ist dann alles schon verständlicher.
Das hört sich jetzt waaaaahnsinnig strukturiert und systematisch an. In Wahrheit spielt da aber auch eine ganze Menge Intuition und Gespür eine Rolle. Vieles mache ich einfach und manchmal geht’s auch daneben.

Gibt es Weiterbildungsliteratur, die du künftigen Schulbuch-Autoren empfehlen kannst, die davon träumen, eines Tages so einen Klassiker zu verfassen wie den Diercke Weltatlas, den die Schüler am liebsten gar nicht mehr hergeben würden?

Da nennst du eins der ganz großen Werke der Schulliteratur! Besonders textlich kaum zu übertreffen. Mein Exemplar ist von 1980 und meine Begeisterung ist ungebrochen!

Weiterbildungsliteratur im Sinne von „Wie werde ich Schulbuchautor?“ oder „Schulbuch schreiben – leicht gemacht“ kenne ich keine. Aber es gibt viel Literatur übers Schreiben allgemein, über wissenschaftliches Schreiben, kreatives Schreiben, usw. Ich habe da eine ganze Menge gelesen und mir meinen persönlichen Werkzeugkoffer zusammengestellt. Wirklich empfehlen kann ich Schreibtrainings und –workshops, weil man da unter fachkundiger Anleitung übt und sofort Feedback bekommt.

Das sind ausführliche und plastische Antworten, die trotzdem gut ins Hirn passen! Vielen Dank für das Interview!

* Was hat Silke Stach mitgeschrieben? Schaut gerne hier bei Amazon (Promo-Link)!

Das Interview führte Barbara Stromberg // „Schreiben als Beruf“